Erinnerung an Wolfgang Hilbig : Eine Liebe von damals

Meuselwitzer Elegien: Margret Franzlik erinnert sich in einem kleinen Buch voller kleiner Impressionen an ihren Lebensgefährten, den Schriftsteller Wolfgang Hilbig.

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Vaterfreuden. Wolfgang Hilbig und seine 1980 geborene Tochter Constance.
Vaterfreuden. Wolfgang Hilbig und seine 1980 geborene Tochter Constance.Foto: Transit/privat

Als „Kleinstadt des ewigen Nachmittags“ hat Wolfgang Hilbig das thüringische Meuselwitz bezeichnet, wo er am 31. August 1941 zur Welt kam. Der Vater galt seit dem Russlandfeldzug als vermisst, Mutter und Sohn lebten bei den Großeltern Paula und Kasimir Startek. Vom polnischen Großvater Kasimir leitete sich der Spitzname „Kaschi“ für den Enkel her. Nach acht Jahren Schule machte Hilbig eine Lehre als Bohrwerkdreher und arbeitete als Monteur, Heizer, Kesselwart, bis er 1979 – nach Zwischenstationen in Leipzig – die Stadt mit seiner Lebensgefährtin Margret Franzlik verließ.

Im Jahr darauf kam die gemeinsame Tochter Constance zur Welt – ihr ist das Buch gewidmet. Sie wuchs in Berlin-Lichtenberg auf, wo Hilbigs Fürsprecher Franz Fühmann Zeuge ihrer ersten Gehversuche wurde. Er prägte die Formulierung vom „Fasan auf dem Brikettberg von Meuselwitz“ und charakterisierte damit trefflich den „Schwarzarbeiter des Schreibens“, der seinem poetisch beschimpften Arbeiterkörper des Nachts „Kohletränen“ abrang. In Hilbigs erstem Roman „Eine Übertragung“ von 1989, wie alle seine Bücher bei S. Fischer verlegt, bekannte sein alter Ego, der Heizer C.: „Endlos schrieb ich Geschichten, die vor dem Schreiben lagen.“

Längst ist Meuselwitz südlich von Leipzig zur literarischen Chiffre geworden, ähnlich wie Philippsburg für den jungen Martin Walser oder das norwegische Tynset mit seinem magischen Klang für Wolfgang Hildesheimer. Doch nun, sieben Jahre nach Wolfgang Hilbigs Tod am 2. Juni 2007, erscheint die thüringische Kleinstadt als ein Hort proletarisch-anarchistischen Glücks. In 51 Miniaturen, angereichert mit zahlreichen Fotografien und Dokumenten aus eigenem Besitz sowie aus dem Nachlass der Familie Hilbig-Startek, zeichnet Margret Franzlik ihr sehr persönliches Bild des jungen Dichters, Sportlers, Familienvaters.

Kennengelernt hatte ihn die Abiturientin 1969 in der HO-Naherholungsgaststätte Nonnenhof am mecklenburgischen Tollensesee. Der Geschirrabräumer Wolfgang Hilbig war mit seinem Freund Gert Neumann angereist, dem späteren Verfasser des legendären DDR-Untergrundromans „Elf Uhr“. Er selbst arbeitete an einem Prosastück, das er in Anlehnung an Novalis „Die blaue Blume“ nannte. In seinem Berliner Sterbezimmer stand eine lila Orchidee, wie sich Margret Franzlik eingangs erinnert.

So schlägt sie in diesem außergewöhnlichen Dokument einer nachgetragenen Liebe immer wieder sacht den Bogen vom Anfang bis zum Ende eines Dichterlebens. 1982 trennte sich das Paar. Auch als der Schriftsteller drei Jahre später in die BRD ausreiste – bereits 1978 war er eine Zeitlang in Haft gewesen –, hielt der Kontakt. Die Autorin pflegte Hilbigs Mutter Marianne bis zu deren Tod 2012 und gibt ihre Erzählungen im Buch wieder, wodurch dieses sein zeit- und familiengeschichtliches Fundament erhält. Ob es um den Buchhändler Fiedler geht, der seinen Stammkunden stets mit druckfrischer Weltliteratur versorgte, um die sonntägliche Bratenkreation „Wickelniere“ oder um Hilbigs Mühe beim nächtlichen Schreiben, das er der Fabrikarbeit abtrotzte: Margret Franzlik lässt Wolfgang Hilbig, der als ein Originalgenie im Schillerschen Sinne gelten kann, in einem neuen, warmen Licht erscheinen.

Vor allem widerlegt sie die These vom Einzelgänger. Diese hatte der kleine gedrungene Mann mit seinem blühenden Sächsisch nach Kräften befördert, etwa in seiner Dankesrede zur Verleihung des Büchner-Preises 2002, die er programmatisch „Literatur ist Monolog“ betitelte. Stets ging es diesem an Symbolismus und Romantik geschulten Autor und seinen solipsistischen Helden „vom Rande“ um die schmerzhafte, doch heilsame Sublimierung der Existenz in Literatur.

Margret Franzlik erinnert sich dagegen an den rührenden Familienmenschen, der sich stets um die ausreichende Beheizung der Wohnung sorgte. Hatte er sich endlich mit frisch gebrühtem Tee zum Schreiben an den Tisch gesetzt, überredeten ihn die Freunde zum Kneipenbesuch. Auf sympathische Weise habe er Willensstärke vermissen lassen: „Er konnte sich einfach nicht von zu Hause loseisen. Stieg in letzter Minute nach vielen Weckversuchen endlich aus dem ‚Nest’, wie in Meuselwitz das Bett heißt, saß bis zum letzten Moment am Küchentisch, um in aller Seelenruhe seinen Kaffee zu trinken und sich die nächste Zigarette anzuzünden, eine ‚Zigrette’ wohlgemerkt. Instinktiv fühlte er dann die Gefahr, zu spät zu kommen, nahm alle Entschlusskraft zusammen und stürzte aus dem Haus.“

Die Autorin arbeitete nach ihrem Leipziger Journalistik-Studium bis 1990 bei Radio Berlin International, dem DDR-Pendant zur Deutschen Welle. Ihre Fähigkeit, in pointierten Schnappschüssen aus dem Alltag zu erzählen, bewahrt die Notate vor Sentimentalität. Jener unbekannte Wolfgang Hilbig, der in diesem bibliophilen Kleinod dem Leser als hoffnungsvoller und zugleich unter seinem Talent leidender Autodidakt entgegentritt, animiert zum Neu- und Wiederlesen seiner erratischen Lyrik und Prosa wie „Die Weiber“ oder „Das Provisorium“. Was kann es Besseres geben?

Margret Franzlik: Erinnerung an Wolfgang Hilbig. Transit Buchverlag, Berlin 2014. 104 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 16,80 €. – Die Autorin stellt ihr Buch am heutigen Dienstag um 20 Uhr im Literaturhaus Berlin (Fasanenstr. 23) vor.

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