Erinnerungsliteratur : Die Sirenen von Köln

„Granatsplitter“: Der große Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer beschwört seine Kriegskindheit.in einem autobiografischen Stück Prosa

Erhard Schütz
Wüste mit Leuchttürmen. Köln 1945, nach dem Bombardement durch die Alliierten. Der Dom diente ihnen als Orientierung. Foto: p-a/dpa
Wüste mit Leuchttürmen. Köln 1945, nach dem Bombardement durch die Alliierten. Der Dom diente ihnen als Orientierung. Foto:...Foto: picture-alliance/ dpa

Erinnern sich Jüngere, bekommt man oft so etwas wie Prominenzmemoiren. Denn entweder werden sie durch ihre Erinnerungen prominent, vor allem, wenn ihnen gelingt, dass das Ganze als Roman durchgeht, oder sie sind es angeblich schon – und krawallen dann auf der nach oben offenen Bohlen-Skala.

Dann gibt es die Erinnerungsbücher der Älteren. Weil es von ihnen immer mehr gibt und das Büchermachen immer einfacher und billiger wird, sind ihre Bücher, nicht selten mit professioneller Unterstützung, geradezu inflationär geworden. Insbesondere milde gewordene Kriegsteilnehmer machen in reuiger Einsicht ihren Frieden mit dem Frieden, womit sie dann im Selbstkostenverlag den Familien- und Freundeskreis ein letztes Mal belagern.

Schließlich gibt es die Gelehrtenmemoiren. Die sind oft entschieden uninteressanter als deren Lebensleistungen, weil sie meistens nach der Maxime „Ich kam, saß und schrieb“ entstanden sind. Nun hat Karl Heinz Bohrer ein autobiografisches Buch mit dem Untertitel „Erzählung einer Jugend“ vorgelegt. Doch man konnte gewiss sein, dass es anders als das Übliche sein würde. Bohrer, Jahrgang 1932, war unter den exzellenten deutschen Literaturwissenschaftlern die Exzellenz für das Überraschende, Überwältigende und Bedeutende in und an der Kunst. Zudem war er um keinen intellektuellen Kampf verlegen. Er stieg als anarchischer Konservativer ebenso ins Getümmel der 68er, wie er, der langjährige Verantwortliche für den „Merkur“, der radikale Gedankenblitze schleudernde Stilkritiker der alten Bundesrepublik und ihrer provinziellen Eliten war.

Wer sich wundert, dass ausgerechnet er, dessen vorletztes Werk 2009 der Tragödie gewidmet war, sich auf das weite Erinnerungsfeld begibt, kann in seinem letzten indes die Vorbereitung hierzu erkennen: „Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken“ (2011). Der Titel seiner Jugenderzählung – „Granatsplitter“ – verweist auf seine Kölner Kriegskindheit. Die Bomben „waren wie farbige Sterne vom Himmel gefallen, und ihre leuchtende Schönheit gehörte zu den ersten blendenden Erscheinungen, aus denen für ihn das Leben bestand. Erscheinungen, deren tieferen Sinn er erst allmählich verstand. Es gab Vorkommnisse, Geräusche, die entweder auffielen oder auch nicht. Das einprägsamste Geräusch war gewiss die nächtliche Sirene.“ Ebenso einprägsam sind die im Kriegsspiel aufgehängten „Polackenpuppen“, die Scheidung der Eltern oder der Ritus des Katholizismus, die bombenden Engländer und deren Flagge. Alles so faszinierend wie unverstanden: nicht erzählt von einem Ich, das sich reflexiv über seine Genese beugt, sondern in der dritten Person. Es ist „der Junge“, von dem erzählt wird, davon, was dieser „selbst wissen und denken kann“. So das Postscriptum.

Das ist natürlich nicht die Quadratur des hermeneutischen Zirkels, und weder den Lesenden wird gelingen, was sie über den großen Bohrer wissen, nicht in den Spuren des kleinen zu suchen, noch dem Erzähler, sein Sogewordensein nicht als Fokus zu setzen. Aber dies ist auch nicht die gnadenlose Rezension eines Kindes, wie etwa in Jean-Paul Sartres „Les mots“. Bohrer bietet die Chance, wie konstruiert am Ende auch immer, der Genese seiner spezifischen Subjektivität, die die Verteidigung von Subjektivität zu ihrem Lebensthema machte, wie generell ansichtig zu werden – und der Zeitumstände, Krieg und Nationalsozialismus als Beschleuniger und Intensivierer elementarer Konflikte.

„Die Neugier des Lesers wird auch nicht durch eine biografische Identifizierung befriedigt“, so heißt es ebenfalls im Postscriptum. Tatsächlich tauchen Klarnamen erst mit dem Kapitel des Universitätsstudiums auf, Reverenzen etwa an die Germanisten Richard Alewyn oder Wolfgang Kayser. Es ist zwar ziemlich leicht, dennoch Personen wie Wolfgang Brokmeier, Herbert Maisch, Georg Picht oder Joseph Wiesner zu identifizieren. Aber das ist ein müßiges Spiel, wie es auch müßig ist, in der Predigt- oder Theaterleidenschaft des Protagonisten Bezüge zu den großen literaturgeschichtlichen Vorbildern herstellen zu wollen.

Vielmehr nehmen wir teil an einer Kindheit, die einerseits durch das weltoffenere, eigensinnigere Herkunftsmilieu schnell für die Widersprüche der Zeit sensibilisiert und so vor einer fatalen Fixierung der Bedürfnisse nach Heldentum und Großartigem bewahrt wird. Andererseits bringt sie durch das zwangsweise Leben auf dem Lande eine Abenteuerlust mit sich, die vitale Bedrängnisse, Lebensgefahr, Tod und Sexualität nicht ausklammert und sich die dunkle Faszination dafür bewahren kann.

Eine Jugend schließlich, die im elitären Internat in die Spannung zwischen Nazirohheit und Altgriechenstrenge, Körperkult und Geistesexerzitien, später auch Bildungsbürger- und Neureichentum, gerät. Am kennzeichnendsten dafür sind die jähen Abwendungen. Wenn die Granatsplitter vom einen auf den anderen Moment – „mit einem Schlag“, heißt es einmal – von einem selbst gebastelten Tomahawk abgelöst werden, um später nurmehr als Erinnerungssplitter auf dem Bord zu stehen. Wenn im Beichtstuhl die Faszination des Rituellen durch die ekle Sexualinquisition jäh zerstört wird. Wenn die deutschen durch die britischen Soldaten abgelöst oder schließlich der bewunderte hohe Ton jäh als verlogen durchschaut wird.

Unumgänglich scheint zu guter Letzt, dass das Kapitel über die Internatsjugend zur Bilanzierung von Lektüren, Theater- und Filmerlebnissen wird. Aber das bleibt immerhin interessant, weil es nicht nur noch einmal das ganze Spektrum zwischen Heidegger und Sartre, Hemingway, Kafka und Dostojewski, Cocteau und Laurence Olivier aufruft, sondern auch zu zeigen versteht, wie sich im spannungsvollen Hin und Her eine gefestigter suchende Intellektualität und die Resistenz gegen Herdentriebe ausbildet.

In diesen Passagen fällt Bohrers distanzierte, spröde, manchmal geradezu antiquiert gravitätische Sprache besonders auf. Umso apotheotischer und sprachlich befreiter ist das abschließende Kapitel, mit dem sich eine neue, zuvor schon ahnungsweise gekannte Welt eröffnet: der befreiende, beflügelnde Weg nach England, in die Volljährigkeit, wo eine durch die Disziplin des Altgriechischen wie durch die Exaltationen des Existenzialismus gegangene romantische Subjektivität gleichermaßen ihre Erdung wie zukünftige Energie und der Leser nun sogar Anflüge lakonischer Ironie findet.

„Granatsplitter“ ist eine beeindruckende Selbsterzählung zum Werdegang eines bedeutenden Intellektuellen. Oder, um es kalauernd zu sagen: kein Beitrag zur nach oben offenen Bohlen-Skala, sondern zum – hoffentlich noch lange nicht geschlossenen – Bohrer-Fonds.

Karl Heinz Bohrer: Granatsplitter. Erzählung einer Jugend. Carl Hanser Verlag, München 2012. 317 S., 19,99 €

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