Ernst-Wilhelm Händlers Roman „München“. : Monster im Glashaus

Ein leidenschaftlicher und analytischer Gesellschaftsroman: Ernst-Wilhelm Händlers erzählt in „München“ so spielerisch und dialogstark wie lange nicht.

Nicole Henneberg
Ernst-Wilhelm Händler Foto: Arno Burgi / dpa picture alliance
Ausnahmeerscheinung unter deutschen Autoren. Ernst-Wilhelm HändlerFoto: Arno Burgi / dpa picture alliance

Unter deutschen Autoren ist Ernst-Wilhelm Händler eine Ausnahmeerscheinung. Er ist nicht nur ein exzellenter Architektur- und Kunstkenner, sondern auch ein studierter Philosoph und ehemaliger Unternehmer, der seine Texte einst wohl auch auf Reisen oder zwischen zwei Terminen diktierte – wie sein Schriftsteller-Alter-Ego in „München“. In der Chronologie von Händlers Großprojekt, der „Grammatik der vollkommenen Klarheit“, ist dieser Roman die Nummer acht.

Das Ganze ist als comédie humaine angelegt und versucht, ein Psychogramm kapitalistischer Verhältnisse zu zeichnen. Ziemlich ernst sind die früheren Teile geraten, sie erzählen von Formen des Bösen und dem Schreiben als demiurgischem Akt. Es geht um Machtgier, Erfinderwahn und Konkurrenzkämpfe in Unternehmen. „München“ aber ist ein vergnüglicher Gesellschaftsroman, voller skurriler Charaktere, absurder Partyszenen und schräger Therapie-Sitzungen. In keinem anderen Roman erzählt Händler so spielerisch und dialogstark – ausgenommen „Die Frau des Schriftstellers“ (2006), an den „München“ anknüpft. Hier wie dort gibt es den scheuen, leicht autistischen Schriftsteller, der sich durch die Welt wie durch einen Roman bewegt, diesen für den Königsweg zur Wahrheit hält und nun seine Heldin Thaddea dazu bringen will, ihr aufgegebenes Buch weiterzuschreiben.

Vermögende Erbin als Protagonistin

Im Gespräch entwickeln die beiden, aus Verzweiflung über eine allzu peinliche Pool-Party, eine Theorie des politischen Schreibens, die Thaddea begeistert. Als sie nach Hause zurückkehrt, meldet sich ihr abgebrochener Roman zu Wort und beginnt mit ihr zu zanken – ein komischer Moment, der in ihrem Schwabinger Studio aber völlig plausibel wirkt. Dass Thaddea, die allergisch auf den Begriff Wahrheit reagiert und das Benennen von Ursachen für kitschig und klischeehaft hält, ausgerechnet Therapeutin ist und hier ihre Patienten empfängt, ist eine ironische Pointe des Romans.

In ihrer selbstbewussten Verlorenheit ist Thaddea, eine vermögende Erbin von Anfang dreißig, eine starke Figur. Aber auch ihr Studio, genannt „die Struktur“, führt ein eindrucksvolles Eigenleben. Es ist vollkommen transparent, fast leer und durchkomponiert bis in den letzten Winkel. Thaddea fühlt sich als Teil der dortigen, präzise und körperlich geschilderten Licht- und Schattenspiele. Dabei verrutscht ihr die Wahrnehmung ständig. Ob sie sich im eitlen München gut inszeniert fühlt in diesem flirrenden Kubus, ob er sie beschützt oder von der Welt abschneidet, will sie nicht entscheiden.

Händler nützt den Roman wie einen Eispickel

Die Auflösung des eigenen Lebens, ein Grundthema bei Händler, geschieht bei Thaddea, der „menschenscheuen und menschenblöden“ Society-Lady, bestürzend beiläufig: Ihr Freund betrügt sie mit ihrer einzigen Freundin. Thaddea trennt sich von beiden. Sie will nicht liebeskrank werden, schließlich seien „die Menschen ein weiter und ein naher Horizont, sie konnte den Horizont einstellen, als ob sie einen Regler betätigte.“

Händler benützt seinen Roman wie einen Eispickel, mit dem er den gefrorenen Boden unter sich aufschlägt – der Schreibprozess als offenes Experiment. So sind Thaddea und die Menschen in ihrem Umfeld auch Prototypen eines besonders exponierten Marktplatzes der Eitelkeiten. Nicht Besitz ist ihnen wichtig, er ist für sie selbstverständlich, sondern die Selbst-Inszenierung: je hypochondrischer und selbstverliebter, desto besser.

Im Leben der Society verschmelzen teure Kunstaktionen mit der Realität, und auch in Thaddeas Nachdenken über sich selbst schleicht sich zusehends Irreales ein. Monströse Gefühle unter Glasstürzen diagnostiziert der Schriftsteller bei ihr, „die einen von innen leuchtend, die anderen von außen angeleuchtet.“ Er sagt ihr auf den Kopf zu, dass sie Gefühle als unschön verachtet. Diesem so leidenschaftlichen wie analytischen Gesellschaftsroman wünscht man viele Leser. Der Versuch einer empfindsamen jungen Frau, unter den gierig-hämischen Blicken eines mitleidlosen Publikums zu überleben, liest sich so beklemmend wie spannend.

Ernst-Wilhelm Händler: München. Gesellschaftsroman. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2016. 350 Seiten, 23 €.

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