Eröffnung der Ruhrtiennale : Symphonie der Maschinen

Boogie-Woogie im Rinderknochenstaub: Die Ruhrtriennale beginnt fulminant mit Strawinskys Skandalklassiker „Sacre du Printemps“ und Louis Andriessens Musiktheater „De Materie“, inszeniert von Heiner Goebbels.

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Der Mond ist aufgegangen. Ein Zeppelin in Louis Andriessens Musiktheater „De Materie“, inszeniert von Heiner Goebbels.
Der Mond ist aufgegangen. Ein Zeppelin in Louis Andriessens Musiktheater „De Materie“, inszeniert von Heiner Goebbels.Foto: Wonge Bergmann/Ruhrtriennale

Von Weitem hört man’s donnern. Wäre der Landschaftspark Duisburg-Nord nicht soeben im Gewitterregen zerflossen, hielte man das Monumentalgrollen für ein nahendes Unwetter. In Wirklichkeit sind es Festivalbesucher, die über eine lange, auf Sprungfedern ausgelegte Straße aus Aluminiumplatten galoppieren und damit die ungestüm lärmenden Kräfte wachrufen, die einst Massen von Material entlang der Hochofenstraße bewegten. Der Reiz, mit leichtem Schritt akustische Tonnengewichte ins Rollen zu bringen, ist unwiderstehlich. Rennend, hüpfend, leise tretend wird dieser Laufsteg zum Instrument. „Melt“ heißt die interaktive Installation des brasilianischen Künstlerduos cantoni crescenti für die Ruhrtriennale, die ein Freizeitfeeling verströmt, das wohl auch für die auf Strandbarlandschaft getrimmte Gastro-Ecke vorgesehen war, die nun so trist aus durchnässten Sandbergen herausschaut.

Das Faszinationspotenzial der alten Industriearchitektur des Ruhrgebiets scheint künstlerisch unerschöpflich. Fabrikhallen, Maschinenwerk und Brachflächen bieten Atmosphäre und Inspiration in Hülle und Fülle quer durch alle Kunstsparten. Das bezeugt schon das überbordende Angebot des Eröffnungswochenendes. Prominente Choreografen und Interpreten wie Anne Teresa De Keersmaeker oder das Ensemble Modern schmücken das Programm, das musikalisch auf sichere Karten der Spätromantik und Avantgarde wie Arnold Schönbergs „Verklärte Nacht“ und Morton Feldmans Komposition „For Philip Guston“ setzt (Beginn: 23 Uhr, Dauer: 4,5 Stunden).

Aber nicht jedes Runde lässt sich ins Eckige zwingen. Selbst das dankbarste Fabriksetting schützt vor konzeptionellen Missgriffen nicht. Zumindest nicht Romeo Castelluccis Inszenierung von Igor Strawinskys „Sacre du Printemps“. Vierzig Maschinen sind hier für den italienischen Theatermacher die Protagonisten. Rhythmisch zur Musik spucken sie dreißig Tonnen Rinderknochenstaub durch den verglasten Bühnenraum der alten Gebläsehalle. Befremdlich, als wolle sie hier lieber gar nicht erklingen, erfüllt Strawinskys ritualhaft rohe Musik über soundtechnisch erbärmliche Stereobeschallung den Raum. Die Maschinen drehen sich, fahren hoch, fahren runter, spucken lang, kurz, senkrecht, seitlich, frontal Knochenstaub.

Und während die Luft von milchigem Staubdunst trüb und trüber wird, entsteht eine Art ungefährer Maschinenpolyphonie, die bis zuletzt ihre Bedeutung schuldig bleibt. Dass der Knochen für die Opfersubstanz steht, will trotz aller Interpretationsflexibilität keine Tür zur Musik öffnen. Sie hält sie, im Gegenteil, fest verschlossen. Übrig bleiben Variationen des visuellen Leerlaufs, der mit jeder Minute verdichteter Musik noch nackter dasteht.

Gefasst auf weitere Selbstreferenzialität spektakulärer Industrieschauplätze, betritt man schließlich die Kraftzentrale, eine gigantische, 170 Meter tiefe Halle, zur deutschen Erstaufführung von Louis Andriessens Musiktheater „De Materie“, dem main act der Ruhrtriennale-Eröffnung. Die mechanisch unregelmäßigen Hammerschläge, die brachial das Stück eröffnen (Ensemble Modern Orchestra, Leitung Peter Rundel), und die Schattenpantomime der Arbeiter in niedriger Hüttenlandschaft scheinen zwar die anfängliche Befürchtung zu bestätigen, doch verliert sie sich genauso schnell wie die simple Eindeutigkeit der rhythmisch-akkordischen Musiksprache Andriessens.

Sein handlungsfreier „Essay“ De Materie von 1988 transportiert vielmehr eine universelle Idee. Es geht um Spannung und Harmonie zwischen Geist und Materie, zwischen dem Einzelnen und dem Ganzen. Die Kraft, die den Widerspruch zusammenhält, offenbart sich hier als Movens allen Lebens. In vier Stationen beleuchtet der 1939 geborene niederländische Komponist dieses Phänomen. An historischen Texten, musikalischen Formen und Personen arbeitet sich Andriessen vom Mittelalter bis in die Moderne vor, endend mit der Nobelpreisverleihung 1911 an die Naturwissenschaftlerin Marie Curie (Stimme Catherine Milliken), die durch ihr Tagebuch ihren verstorbenen Mann über die Grenzen des physischen Daseins hinweg begleitet.

De Materie ist ein weltumarmendes Werk in jeder Hinsicht, und Heiner Goebbels (Regie) und Klaus Grünberg (Bühne/Licht) projizieren Welt und Zeit in den unermesslich wirkenden Raum hinein. Anfangs klafft noch die Schere zwischen Kollektiv und Individuum. Links und rechts auf den Seitenemporen bilden Chor (ChorWerk Ruhr) und Tenor (Robin Tritschler) zwei Pole. Der monotonen Aufzählung von Schiffsbauteilen steht eine kantable Abhandlung über die Zusammensetzung der Materie aus winzigen Partikeln entgegen. In der Figur der Hadewijch aus Brabant (13. Jahrhundert) vereint im zweiten Bild eine Solostimme zwei Extreme: Der Sexualakt und das Sakrament des Abendmahls schieben sich für einen visionären Moment wie bei einer Sonnenfinsternis übereinander.

Sparsam angedeutete Kirchenbänke in grünlich-gelbem Licht öffnen das Raumgefühl einer riesigen Kathedrale, die bald einem Kunstraum weichen muss, den zwei launige Boogie-Woogie-Tänzer (Gauthier Dedieu und Niklas Taffner) unermüdlich von hinten nach vorne durchmessen. Wild pendelnde Leuchtkugeln in Weiß, Blau, Rot und Gelb zeichnen abstrakte Bilder in die Luft und erinnern an die Kunstbewegung De Stijl und den tanzbegeisterten Maler Piet Mondrian.

Körper und Bewegungsinstinkt treffen auf Theorie und Kalkül in einer pointierten Boogie-Fuge, dass sich bald die Frage stellt, was dieses immer weiter sich spreizende Panoptikum jemals wieder erden soll. Zaghaft erscheint die Antwort am hintersten Bühnenende: Aus der Dunkelheit wirft ein frei durch die Luft tuckernder Zeppelin kühles, zartes Vollmondlicht auf eine Herde leise blökender Schafe. Lange Zeit stehen sie nur da, folgen dann dem Mond nach vorne und lassen sich auf dem selben Weg wieder zurückgeleiten. Erstarrt und berührt von dieser Naturpräsenz im Kunstraum scheint sich die Zeit im meditativen Pendeln zwischen zwei Akkorden gänzlich aufzulösen. Ein Moment so gewaltig und zerbrechlich, dass einem vor Demut fast das Herz stehen bleibt.

Die klingende Raumpoesie, in die Goebbels und Grünberg Andriessens Musiktheater überführen, hebelt die Widersprüche von Rationalität und Emotionalität, Kunst und Natur, Augenblick und Dauer aus. Nach zwei Stunden verlässt man die Kraftzentrale als einen zweckfreien, zeitlos sublimen Ort, der unverhofft zum Synonym übersinnlicher, übergegenwärtiger Schönheit geworden ist.

„De Materie“ wieder am 22., 23. und 24. August. Die Ruhrtriennale läuft noch bis zum 28. September. Programminfos unter www.ruhrtriennale.de

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