Kultur : Erschöpfte Ideologien

Jan-Werner Müller erklärt, wie es nach 1945 zur Demokratisierung Europas kam.

Siegfried Weichlein

Die Demokratie gilt gemeinhin als eine Errungenschaft der Nachkriegszeit. Dann aber ist es schnell gegangen: Der konstitutionelle Gedanke brauchte zwei Generationen, um sich nach der Französischen Revolution allgemein in Europa durchzusetzen; ebenso der Wohlfahrtsstaat, der erst im 20. Jahrhundert zum Kennzeichen moderner europäischer Staatlichkeit avancierte. Vor diesem Hintergrund überrascht es, in wie kurzer Zeit die Demokratisierung der mittel- und südeuropäischen Staaten nach dem Ende der Diktaturen 1945 erfolgte. Wer aber waren die treibenden Kräfte hinter dieser Demokratisierung?

Zeitgenössisch sahen und sehen sich christdemokratische Politiker und Parteien etwa in Deutschland, Belgien, Frankreich, den Niederlanden und Italien in dieser Hauptrolle. Der in Princeton lehrende Ideenhistoriker Jan-Werner Müller macht sie denn auch zu den Helden in seiner Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts. Fast die Hälfte seines Buches widmet er der Frage, warum sich nach 1945 eine Konsenspolitik durchsetzen konnte, die die Balance von Demokratie und liberalen Prinzipien sicherte. Seine Antwort ist, dass die älteren Konzepte der Demokratie und des Liberalismus im Lichte der Diktaturerfahrung neu gedeutet und miteinander verbunden wurden – durch Christdemokraten.

Zwar liest er bereits die Faschismen der Zwischenkriegszeit als neue Ideologien, sogar mit einem demokratischen Anspruch. Aber erst christdemokratische Nachkriegspolitiker wie Adenauer, Schumann oder de Gasperi versöhnten im Rückgriff auf Autoren wie den katholischen Sozialethiker Jacques Maritain das christliche Erbe mit der modernen pluralistischen Gesellschaft. Müller widerspricht damit der Ansicht, dass die Demokratisierung und der Ausbau des Wohlfahrtsstaates Kennzeichen eines sozialdemokratischen Zeitalters waren.

Auch wenn Müller auf der Akteursebene gute Gründe für seine These hat, so erklärt der Rückgriff auf die katholische Soziallehre der Zwischenkriegszeit alleine noch nicht die Aussöhnung mit der pluralistischen Demokratie. Der Pluralismus bildete bis in die 1960er Jahre und in Teilen noch danach den Gegenbegriff zum Katholizismus. Selbst der katholische Aufbruch der 20er Jahre sah im gesellschaftlichen Pluralismus seinen Gegner. Das galt noch für die Schuldebatte in der frühen Bundesrepublik. Um ideengeschichtlich den Erfolg der Demokratie nach 1945 zu erklären, dürfte der Rückgriff auf Modernitätsvorstellungen aus den USA mindestens genauso wichtig wie die Christdemokratie sein, ganz zu schweigen von dem Druck der linken Opposition. Die zu Demokraten konvertierten mitteleuropäischen politischen Eliten schlossen nach 1945 ein politisches Bündnis mit den Vereinigten Staaten. Gerade die Verlierer des Krieges waren aus ganz eigennützigen Gründen glühende Freunde der USA. Nur durch Demokratie war die eigene Souveränität wiederzugewinnen. Außerdem vollzog sich die Demokratisierung Deutschlands, Österreichs oder Italiens im Kalten Krieg. Nur wenn die politischen Systeme zwischen West-Berlin und San Francisco sich einander anglichen, war ein Erfolg in der Systemauseinandersetzung zwischen Ost und West möglich.

Nach der Erschöpfung der großen Ideologien 1945 war der Blick auf die Demokratie weitaus nüchterner und weniger emphatisch aufgeladen als in der Zwischenkriegszeit. Nicht die Demokratie, sondern die Menschenrechte bildeten Europas letzte Utopie, wie Müller mit einem Blick auf Frankreich zeigen kann. Siegfried Weichlein

Jan-Werner Müller: Das demokratische Zeitalter. Eine politische Ideengeschichte Europas im 20. Jahrhundert. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 509 Seiten, 39,95 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben