• Erschreckend aktuell: George Orwells "1984": Unheimliche Verwandtschaft zwischen der NSA und dem "Großen Bruder"

Erschreckend aktuell: George Orwells "1984" : Unheimliche Verwandtschaft zwischen der NSA und dem "Großen Bruder"

Snowdens NSA-Enthüllungen wiegen schwer, doch mittlerweile weicht der Schock darüber einer gewissen Mattigkeit. Dabei wurde in diesen Tagen aus Orwells Fiktion "1984" eine erschreckend realistische Vision. Und nicht nur das: Die NSA geht über das, was Orwell seinerzeit niederschrieb, sogar noch einen Schritt hinaus.

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Watching: Fünf Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung ist Orwells "1984" aktuell wie nie zuvor.
Watching: Fünf Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung ist Orwells "1984" aktuell wie nie zuvor.Foto: dpa

In der achten Woche nach den Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden – oder auch der „Späh-Affäre“, wie der NSA-Skandal inzwischen merkwürdig niedlich genannt wird – weicht der Schock über die undementierten, auf die globale Zivilbevölkerung gerichteten Schnüffelpraktiken der Geheimdienste einer gewissen Mattigkeit.

Zwischen dem Alarmismus derer, die wie der einstige FDP-Innenminister Gerhart Baum einen „Weltpolizeistaat“ heraufziehen sehen, und dem Fatalismus all jener, die – frei nach Goethes „Zauberlehrling“ – nicht mehr glauben, dass noch irgendwer den entfesselten Besen namens Internet und seine bösen Profiteure stoppen kann, scheint die Erschöpfung zu obsiegen.

Zuletzt wurde sie durch die Nachricht genährt, dass das amerikanische Repräsentantenhaus die NSA weiter gewähren lässt. Ein Antrag, der fürstlich alimentierten Datensammelkrake Fesseln anzulegen, wurde – knapp – abgeschmettert.

Unter der vibrierenden Oberfläche von Information und Desinformation sickert jedoch immer tiefer ins kollektive Bewusstsein, dass sich mit dem Wissen um die jederzeit mögliche alltägliche Überwachung aller via Telefon und Internet die vertrauten Werte-Parameter fundamental zu verschieben drohen. Auch jene für das Heimatgefühl in der Demokratie als der besten aller möglichen politischen Welten. Seit Snowdens unaufgeregter Prophezeiung einer „schlüsselfertigen Tyrannei“ häufen sich die Absonderlichkeiten, als wollten deren Urheber Snowdens Klarsicht geradezu eilfertig bestätigen. Und als brauchte es noch eines Beweises für die Notwendigkeit seiner an Gandhi geschulten Zivilcourage. Dem Überläufer aus dem wohl stärksten Machtapparat des Globus wird ziviler Ungehorsam zur Pflicht, wenn der Staat „den Boden des Rechts verlässt“. Oder sollte man jetzt sagen: die Staaten?

Die Enthüllungen des Edward Snowden - eine Chronologie
Aktion "Ein Bett für Snowden": Aktivisten werben am 05.06. vor dem Kölner Dom für Asyl für den Whistleblower Edward Snowden in Deutschland.Weitere Bilder anzeigen
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10.06.2014 09:55Aktion "Ein Bett für Snowden": Aktivisten werben am 05.06. vor dem Kölner Dom für Asyl für den Whistleblower Edward Snowden in...

Im internationalem Maßstab war und bleibt es höchst verblüffend, mit welchen Mitteln Amerika seinen Staatsfeind Nr. 1 zu jagen imstande ist, gipfelnd in der Zwangslandung des bolivianischen Präsidenten Anfang Juli in Wien. Wobei Evo Morales keineswegs bananenrepublikanisch, sondern staatsmännisch befremdet auftrat, und stattdessen die westeuropäischen Regierungen in Sachen Überflugrechte kuschten. Innenpolitisch wiederum dominieren terminologische Seltsamkeiten: etwa der Versuch, den präzisionsbedürftigen Geheimdiensten gleich zwei Schnüffelsysteme selben missverständlichen Namens aufzubürden, und CSU-Innenminister Friedrichs Erfindung eines „Supergrundrechts auf Sicherheit“. Kanzlerin Merkel wiederum zeigte, bevor sie demonstrativ entspannt in Urlaub ging, erstaunliches Desinteresse an den Details des Prism-Skandals.

Etwas ist faul nicht nur im Staate Deutschland, sondern der Wurm steckt offenbar im ganzen Planeten. Kein Wunder, dass auch kühle Analytiker zu universellen Erklärungsmustern greifen und die tektonischen Erschütterungen der Wirklichkeit hilfsweise mit Science-Fiction-Dystopien in Beziehung setzen. „Die neue mögliche Quantität der Überwachung schafft eine neue Qualität. Das ist falsch, das ist Orwell“, sagte unlängst der einstige BND-Chef Hansjörg Geiger.

Und tatsächlich, die Metapher vom „Großen Bruder“, die George Orwell in seinem letzten Roman „1984“ entwarf, hat massiv Konjunktur. Wobei die merkwürdig ungreifbare, auf unzähligen Plakaten abgebildete totalitäre Herrscherfigur ihre Untertanen nicht mehr nur ansieht, wie es der Slogan im Roman suggeriert, sondern es heute vielmehr heißen müsste: Der große Bruder hört dich ab, liest dich mit, forscht dich aus – und greift dich an, wann immer er will.

"Big Brother is watching you", "1984", der Name Orwell selbst: Im öffentlich Diskurs sind das Chiffren für den Überwachungsstaat an sich. Viel gelesen wird das Buch heute nicht, das der Tuberkulosekranke auf einer schottischen Hebrideninsel schrieb und 1949 veröffentlichte, wenige Monate vor seinem Tod mit 46 Jahren. Kurz nach den Snowden-Enthüllungen sprang der Titel auf Amazon-Bestsellerränge, bewegt sich hierzulande nach Auskunft des Ullstein Verlags aber nur leicht über den soliden Dauerverkaufszahlen von monatlich 500 bis 1000 Exemplaren.

Schon unmittelbar nach Erscheinen wurde der Roman, wie Wolf Lepenies in einem Aufsatz zu dessen 60. Jahrestag darlegte, als eine Art antikommunistisches Manifest instrumentalisiert – genauer: als antisowjetisches Manifest. Tatsächlich lassen sich der Große Bruder mit „wuchtigem schwarzem Schnurrbart und kernig-ansprechenden Zügen“ mühelos als Stalin und der abtrünnige Goldstein mit seinem „weißen Haarkranz und einem Ziegenbärtchen“ als Trotzki lesen. Also funktionierte „1984“ bestens als Propagandawaffe im Kalten Krieg.

Die „Prawda“ nannte Orwell einen „Feind der Menschheit“, und die CIA regte im Gegenzug Übersetzungen für den Ostblock an. Wie heiß dieses Material war, zeigte sich noch 1978, als ein junger DDR-Theologe zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wurde, weil er den Roman gelesen und an Bekannte weitergegeben hatte.

Nur ignorierte man damals geflissentlich, dass dessen tragischer Held Winston Smith, 39 Jahre alt und als Parteimitglied im Wahrheitsministerium mit unablässigen Geschichtsfälschungen fürs Archiv beschäftigt, keineswegs in Moskau lebte, sondern in London. Und dass der totalitäre Staat Ozeanien nahezu exakt jenes Territorium umfasst, das heute – zumindest offiziell – auf die Binnenausspähung verzichtet: die USA, Kanada, England und Australien.

Nach einem Atomkrieg in den fünfziger Jahren sind in „1984“ neben Ozeanien nur noch zwei Superstaaten übrig: Eurasien unter ex-sowjetischer Führung und Ostasien, im wesentlichen das heutige China, Japan und Korea umfassend. Um die restlichen Weltgegenden führt dieses Macht-Trio begrenzte Kriege, vornehmlich zur Akquise billigster Arbeitskräfte.

Die Aufteilung der Erde in drei Einflusssphären wirkt, vom russisch dominierten Resteuropa einmal abgesehen, durchaus zeitgemäß. Nur bei der Innenansicht von Ozeanien selbst mischt Orwell noch heute futuristisch Anmutendes mit längst veralteten Elementen. Smith, der in London bald seine Julia und mit ihr sowohl die Liebe als auch den Wagemut zum Widerstand findet, lebt 1984 in einem Setting von Nachkriegsödnis und materieller Not. Höchst altmodisch auch, dass in Orwells ferner Zukunft ministeriale Weisungen per Rohrpost verschickt werden. Zur Regulierung der Teleschirme, die in der Öffentlichkeit und in Privaträumen wie Fernseher und zugleich wie staatliche Ausforschungskameras funktionieren, fehlt jedwede Fernbedienung. Leisestellen geht nur per Knopf, Abschalten gar nicht.

Mag sein, dass unsere heutigen TV-Flatscreens noch nicht über diese gruselige Doppelfunktion verfügen; die übernehmen eher die Smartphones, die den Konsum von öffentlich verfügbaren Nachrichten mit der kontinuierlichen Preisgabe privater Daten koppeln. Vollends retro erweist sich der Roman einzig darin, dass in ihm nur jene 15 Prozent der Bevölkerung total überwacht werden, die in der Partei Dienst tun. Der gemeine Rest, „Proles“ genannt, wird mit Alkohol, Pornoheftchen und Fußball ruhig gestellt und bleibt folglich überwachungsfrei. Hier ist die NSA einen Tick weiter.

Die Lebensbedingungen seines Helden beschreibt Orwell so: „Ein Parteimitglied lebt von der Geburt bis zum Tod unter den Augen der Gedankenpolizei. Sogar wenn es allein ist, kann es nicht sicher sein, dass es wirklich allein ist. Wo es auch sein mag, ob es schläft oder wacht, arbeitet oder ausruht, im Bad oder im Bett liegt, es kann ohne Vorwarnung und ohne sein Wissen überwacht werden.“

Damit entwirft er die Vision eines totalitären atlantischen Westens, der so bis vor kurzem – auch weil sein eigenes zivilgesellschaftliches Selbstverständnis dagegen stand – noch unvorstellbar war. Und doch scheint er Gestalt anzunehmen, einstweilen als Demokratur.

Wie sagte jüngst der Netz-Aktivist und Snowden-Vertraute Jacob Appelbaum bei einer Veranstaltung in München? „Die Staaten bekriegen ihre Bürger.“ Martialisch klingt das, womöglich horror-visionär. Aber sehr realistisch.

George Orwell. 1984. Aus dem Englischen von Michael Walter. Ullstein Verlag, Berlin. 384 Seiten, 9,95 €.

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