Kultur : Erwin Michelbergers dokumentarischer Essay

Christian Schröder

"Für so ein Mädchen vom Land gibt es zwei Möglichkeiten, wenn sie in die Großstadt kommt", sagt der Beamte vom Morddezernat, "entweder sie kellnert oder sie versucht es auf dem Strich." Als die damals 16jährige Ingrid R. 1979 aus einem schwäbischen Provinzkaff nach Berlin abhaut, fängt sie erst einmal in einer Kneipe an zu arbeiten. Danach verlieren sich ihre Spuren im Labyrinth der Kreuzberger Alternativszene. Erst 1985 taucht Ingrid wieder auf: als Skelett auf dem Dachboden eines besetzten Hauses an der Waldemarstraße, mit eingeschlagenem Schädel. Erwin Michelbergers dokumentarischer Essay "Blumen lieben oben", der sich auf die Spurensuche nach diesem kurzen Leben macht, ist ein Film über die Flucht aus der Heimat und das Nicht-Ankommen in der Fremde. Denn so eng wie in der ländlichen Gesellschaft ging es in den siebziger Jahren auch in ihrer vermeinlichen Gegenwelt zu, dem linken Milieu mit seinen Kommune-Hausordnungen. "Wichtig war das Gemeinsame, Einzelschicksale interessierten nicht", erinnert sich eine ehemaligen Mitbewohnerin. Bestechend an dem Film ist seine irritierende Machart. Fastnachts-Aufnahmen blenden über zu Standfotos von der Love Parade, auf der Tonspur mischen sich O-Töne der Zeugen mit Märchen-Texten, raunend vorgetragen von Udo Samel. Das Abscheifen hat Methode bei Michelberger. Schade nur, dass Ingrid R., die nach einer Stunde erstmals auf einem Foto erscheint, in diesem Doku-Puzzle ein Phantom bleibt. "Die Umstände ihres Todes sind ungeklärt", heißt es im Abspann.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben