Kultur : Erzähl keine Märchen Rotkäppchen 2.0: Philippe Becks „Populäre Gesänge“

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In der Regel haben Märchen keinen alleinigen Schöpfer. Sie sind Produkte eines Überlieferungsprozesses verschiedenster Stimmen und Zeiten. Behauptete nicht der Romantiker Novalis, dass alle Poesie eigentlich Übersetzung sei? Kein Wunder also, dass „Grimms Märchen“ Gegenstand eines doppelten poetischen Aneignungsprozesses geworden sind. Der französische Dichter Philippe Beck, Jahrgang 1963, selber Übersetzer aus dem Deutschen, hat aus den altertümelnden Grimm-Texten gegenwärtige französische Gedichte gemacht. Dabei geschieht Überraschendes.

Beck begegnet den französischen Originalen Grimm’scher Adaptionen wie „Rotkäppchen“ wieder. Oder er seziert den tiefenpsychologischen, philosophischen, historischen Kern einer Geschichte, der beim einfachen Lesen verborgen bliebe. Schade, dass in der schönen Klappenbroschur der deutschen Ausgabe keine Probe der französischen Gedichte enthalten ist.Doch Tim Trzaskaliks Übersetzungen geben samt seiner und Becks Anmerkungen sowie dem Vorwort des Philosophen Jean Bollack einen Eindruck, wie sperrig und provokant innerhalb der französischen Lyrik Becks „Chants populaires“ sich ausnehmen müssen. Beck traktiert die Sprache wollüstig mit dem Skalpell des Grammatikers: „Wer sagt was? / Blut spricht hier. / ‚Mutter’ ist grimmig. / Elementargrimm?" Jan Röhnert

Philippe Beck: Populäre Gesänge. Gedichte. Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Tim Trzaskalik. Matthes & Seitz, Berlin 2011. 234 S., 26,90 €.

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