Erzählungen von Mariana Enríquez : Azurblau bis Sturmschwarz

Die Argentinierin Mariana Enríquez lässt in ihren Erzählungen die Gespenster der Vergangenheit aufleben.

Carolin Haentjes
Die Autorin Mariana Enríquez, geboren 1973 in Buenos Aires. Foto: Nora Lezano / Ullstein
Die Autorin Mariana Enríquez, geboren 1973 in Buenos Aires.Foto: Nora Lezano / Ullstein

Das Unheimliche liegt näher, als man denkt. In den Geschichten von Mariana Enríquez liegt es quasi in der Luft, schwer und leicht entzündlich. Die fiktiven Welten der argentinischen Autorin sind in und um Buenos Aires angesiedelt, treten aber überall da in Erscheinung, wo einem plötzlich das Atmen schwerfällt, „am wilden, von Moskitos bewachten Fluss, unter einem Himmel, der innerhalb von Minuten von Azurblau zu Sturmschwarz wechselt“, wenn der Strom ausfällt oder ein Mädchen in der Geschichtsstunde anfängt, sich die Fingernägel auszureißen.

In einem träumerisch-trägen Rhythmus, aber mit unbeirrbar souveräner Sprache führt Enríquez ihre Leser zu Häusern, die Mädchen verschlingen, zu Menschen, die sich in Pixel verwandeln und zu Monsterjungen, die sich durch Eingeweide fressen. „Man spürt es gleich bei der Ankunft wie eine brutale Umarmung, die dir die Rippen einzwängt wie ein Korsett.“: Diese Frau spielt mit dem Horror.

Enríquez hat sich die Pink-Attitüde ihrer Jugend bewahrt

Die Gegenwart, aus der ihre Erzählungen sprießen, besteht aus Korruption, Drogensumpf, Macho-Kultur und einer verdrängten Vergangenheit. So wurde erst 2010 begonnen, die Verbrechen der Militärdiktatur aufzuarbeiten, viele Opfer bleiben spurlos „Verschwundene“ (Desaparecidos). Nach dem Roman „Verschwinden“ und der Kurzgeschichtensammlung „Als wir mit den Toten sprachen“ ist „Was wir im Feuer verloren“ das dritte Buch der Autorin, das auf Deutsch erscheint – und das erste, das auch ins Englische übersetzt wurde. Es sieht so aus, als würde Enríquez mit diesen zwölf Erzählungen nun endgültig über Südamerika hinaus bekannt werden. Ein Glück, denn Enríquez, bei ihrem Debüt 1994 gerade mal 21 Jahre alt, hat sich die erfrischende Punk-Attitüde ihrer Jugend bewahrt.

In „Tief unten im schwarzen Wasser“ etwa erzählt sie von dem Versuch einer Staatsanwältin, den Mord an zwei Jungen aufzuklären, die im Riachuelo ertrunken sind. Der Fall scheint bereits gelöst, der Verdacht gegen zwei Polizisten erhärtet: Käufliche, sadistische, arrogante Polizisten will die Staatsanwältin besonders gern hinter Gitter bringen. Ihre Ermittlungen führen sie in das Armenviertel, das am Ufer des von Chemieabfällen verseuchten Flusses liegt.

Dort hat sich ein Totenkult um die Ermordeten gebildet, angeführt von Kindern, die wegen des verschmutzten Wassers mit Missbildungen geboren wurden. Angesichtes der Zombie-Parade, die durch die Straßen marschiert, kann auch die sonst so robuste Staatsanwältin nur Reißaus nehmen.

Das Irrationale als Tor zur Freiheit

Dieses Hinausgleiten aus einem sozialkritischen Realismus ins Irrationale steht ganz in der Tradition eines Magischen Realismus. Aber wie ihm Enríquez ungeniert Trashelemente beimischt, ist eine freche Absage an Literaturverständnis, das sich seiner Verachtung für alles Genrehafte allzu sicher ist.

Am stärksten sind die Storys, in denen das Irrationale als Tor zur Freiheit gefeiert wird, wie in dem Text „Spinnweben“. In einem komplexen Metaphernnetz verflicht er die Zustände der Militärdiktatur mit dem spannungsreichen Verhältnis eines Ehepaars, bis der nervtötende Ehemann auf übernatürliche Weise verschwindet.

Frauen beginnen freiwillig, durchs Feuer zu gehen

In der titelgebenden Erzählung „Was wir im Feuer verloren“ wird das Monster-Sein gar zur revolutionären Waffe: Frauen beginnen freiwillig durch Feuer zu gehen, als Reaktion auf Verbrennungen, die ihnen aus Wut oder Eifersucht von anderen zugefügt wurden. Überzogen von sichtbaren Narben führen sie ihr Leben weiter und verstören mit ihrem Auftreten die Öffentlichkeit.

„Sie ließen ihre entsetzlichen Gesichter von der Nachmittagssonne bescheinen, hielten die Kaffeetassen zwischen Fingern, an denen manchmal Glieder fehlten.“ Muss man sich bei solch eindrucksvollen Szenen eigentlich fragen, was es ist, das einem hier Schauder über den Rücken jagt?

Mariana Enríquez: Was wir im Feuer verloren. Erzählungen. Aus dem argentinischen Spanisch von Kirsten Brandt. Ullstein, Berlin 2017. 239 Seiten, 18 €.

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