Kultur : Es bröckelt in der Ferne

Die Wiedervereinigung und ihre Verdrängung: Marion Poschmanns Roman „Die Sonnenposition“.

Insa Wilke

Wenn in den neunziger Jahren vom „Wende-Roman“ die Rede war, wurden meistens Bücher gemeint, die von der Umbruchszeit nach 1989 aus ostdeutscher Sicht erzählen. Als wäre „der Westen“ unberührt geblieben. Marion Poschmann, 1969 in Essen geboren, hat dieser Verdrängungsleistung ihren Roman „Die Sonnenposition“ gewidmet.

Altfried Janich, ein junger, neurotischer Psychiater aus Köln und Poschmanns Erzähler argumentiert: „Die neuen Bundesländer bringen ein zusätzliches Unbewusstes in das kollektive Unbewusste mit ein, mit dem niemand gerechnet hat und das niemand zu handhaben versteht.“ Dieses Unbewusste, das scheint allerdings auch dem Erzähler nicht klar zu sein, ist das des gemeinsamen Deutschland und seiner Geschichte. Die deutschen Verschiebungen und Brüche wurden vielleicht an den Universitäten „aufgearbeitet“, nicht aber in den Köpfen und Seelen der einzelnen Menschen, nicht in ihren Familiengedächtnissen.

Ein solches Gedächtnis könnte zum Beispiel verzeichnen, dass der Vater von Altfried und seiner Schwester Mila im Krieg die Ermordung seiner Eltern mit ansehen musste. Mit seiner großen Schwester Sidonia flüchtete er damals nach Westen, strandete im Rheinland, wo sich die Geschwister eine Existenz aufbauten. Altfried und Mila wuchsen also in einem scheinbaren Frieden auf, litten aber unter dem Druck, „glücklich zu sein, natürlich zu sein und normal.“ Es ist abzusehen: „Die Sonne bröckelt“ irgendwann, und das nicht nur in der Familie Janich.

So lakonisch beginnt Poschmanns Roman nämlich: „Die Sonne bröckelt“. Jede Macht ist vergänglich, heißt das auch. Jede Vorstellung von der „natürlichen“ Einrichtung der Welt bricht irgendwann zusammen, sei es die eines Sonnenkults, die der christlichen Märtyrer oder die der marxistisch-leninistischen Gesellschaftstheorie. All das hat ein Ende und wirkt doch untergründig als Schattenwelt weiter. Die Zeit – und damit die Vergänglichkeit – sei ja nur eine Illusion, heißt es bei Poschmann.

Die Sonne bröckelt aber auch ganz konkret: An der Decke eines Barockschlosses irgendwo in Ostdeutschland, das nach der Wende zur Psychiatrie umgebaut wurde und in das es Altfried als Berufsanfänger verschlagen hat. Wohl nicht zufällig findet dieser Ort bei Poschmann sein Spiegelbild in der Heil- und Pflegeanstalt „Pirna-Sonnenstein“. Hier wurden 1940/41 Kranke und KZ-Häftlinge ermordet. Hier schrieb der berühmte Psychiatrie-Patient Daniel Paul Schreber seine „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ (1903), an die Poschmann den Ton ihres Erzählers, der zwischen Einbildung und Klarsicht schwankt, angelehnt hat.

Die Schrecken von Sonnenstein hallen in den fiktiven Gemäuern des „Ostschlosses“ wider, in denen die Patienten das Kommando übernommen haben: „Sie kratzen mit den Fingernägeln nach und nach den Lack von den Fensterrahmen, sie zerschaben das Linoleum, weil sie auf ihrem Stuhl, festgeklammert an den Sitz, langsam und hartnäckig den ganzen Tag von einem Ende ihres Zimmers zum anderen reiten. Was der Zahn der Zeit in langen Jahren abnagt, schaffen sie in wenigen Monaten.“ Wollte man sie heilen, müsste man sie „vom Aufgang und Untergang der Sonne“ heilen, meint Altfried, also vom Sein an sich.

Er selbst steht auch nicht auf der Sonnenseite des Lebens, bildet sich aber ein, die „Sonnenposition“ einzunehmen: „Eine Position der Ferne, des generellen Überblicks.“ Dabei interessieren ihn vor allem die Stellen, „auf die der Schatten fällt“, in denen sich die Abwesenheit sammelt und eine Versehrtheit zu ahnen ist, „die sich in den Räumen hält“.

Poschmanns Roman ist voller Symbole und Doppeldeutigkeiten. Über das Sichtbare, nämlich einerseits die merkwürdige Dreiecksgeschichte zwischen Altfried, Mila und dem geheimnisvollen Jugendfreund Odilo und andererseits die Fallgeschichten aus der Psychiatrie, nähert sie sich erzählerisch dem Unsichtbaren. Ähnlich wie in Poschmanns letztem Gedichtband „Geistersehen“ wird das Unheimliche im Alltäglichen deutlich, wird in der einfachen Sprache und der skurrilen Anekdote das Unsagbare hörbar. Wenn Altfried in seiner Jugend „Erlkönige“ jagt, dringt durch die Oberfläche des Spiels der eisige Hauch desjenigen, von dem die Väter nichts wissen wollen und der ihren Söhnen mindestens den Schlaf raubt.

Wie Poschmann durch die Überschriften, die Namen und ihre mehrschichtige Erzählung Zeitebenen von der Antike bis zur Gegenwart überblendet und das Feld der Sonnenembleme und -symbolik ohne ins Klischee zu rutschen ausreizt, ist klug gedacht und geschrieben. Man wird sich lange mit diesem Roman beschäftigen können, ohne all seine Winkel, Ausblicke und Nachtseiten entdeckt zu haben. Selbst die Überorchestrierung durch Vergleiche und Bilder stört nicht, sondern trägt wie Poschmanns lakonischer Witz dazu bei, diesem eigentlich düsteren Buch einen hellen Anschein zu geben.

Nur: Die Geschichte dieses Romans kommt nicht in Gang. Das Fragment und das Experiment sind zwar strukturbildende Elemente. Das tröstet aber nicht immer darüber hinweg, dass man unaufhörlich um ein leeres Zentrum kreist. Oder ist es gerade konsequent, wenn das „Schloss“ bei dem Versuch, es zu erzählen, nicht nur in Altfrieds Mundhöhle zu „Putz, Sonnentrümmern, Gipspulver“ zerfällt, sondern sich auch wie synthetischer Staub über den ganzen großartig erdachten Roman legt? Insa Wilke

Marion Poschmann: Die Sonnenposition. Roman. Suhrkamp

Verlag, Berlin 2013.

337 S., 19,95 €.

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