Kultur : Es geschah um 17 Uhr 59

Der Mime und die Motoren: Vor 50 Jahren starb mit James Dean der erste Coverboy der Popkultur

Bodo Mrozek

Es war nur ein Verkehrsunfall, aber Pop ist nun mal Geschäft mit den Emotionen. Zur Kultur wird er erst, wenn Kunst dazukommt. Die höchste Stufe der Popkultur aber ist der Kult. Dazu braucht es dann einen Mythos, besser noch einen gehörigen Schuss Tragik. Am 30. September 1955 schießt ein Porsche 550 Spyder in die Seite eines 1950er Ford. Von den drei Personen, die man am Unfallort findet, überleben der Student am Steuer des Ford und der Beifahrer des Porsche, der Testfahrer Rolf Wütherich. Nur der Fahrer des silbernen Porsche mit der aufgemalten Nummer 130 ist sofort tot: der Schauspieler James Dean.

Kaum ein Unfall ist so genau erforscht worden wie dieser. Denn an jenem Nachmittag im September vor 50 Jahren starb nicht einfach nur ein Mensch. An jenem Nachmittag wurde James Byron Dean, dessen sterbliche Überreste man mit gebrochener Wirbelsäule, zerschmettertem Brustkorb und eingedrücktem Kiefer aus dem geborstenen Aluminium und den roten Lederfetzen des offenen Rennwagens zog, unsterblich – als ewige Ikone der Popkultur.

Die Umstände waren damals denkbar banal. Die Sonne stand nicht tiefer als an anderen Nachmittagen auch. Der Schauspieler und Autonarr war unterwegs zu einem Rennen, auf einer Strecke, die so langweilig war, dass sein Mechaniker Wütherich auf dem Beifahrersitz einschlief. „Die Straße erschien wie ein graues Band, das eine gleichförmige Landschaft durchschnitt“, gab er später zu Protokoll, die einzige Abwechslung auf dem Weg nach Salinas seien eine Tankstelle und ein kleiner Laden gewesen. Dort, in Blackwells Corner, hielten Dean und sein Fahrer an, um einen Kaffee zu trinken – andere behaupten, Dean habe ein Glas Milch getrunken. Das war um 17 Uhr 30, Dean hatte keine halbe Stunde mehr zu leben. Um 17 Uhr 59 und zehn Sekunden, wie man ausgerechnet hat, missachtet der Student Donald Turnupseed die Vorfahrt. Und Dean hatte den eigens eingebauten Sicherheitsgurt nicht angelegt.

Der Mime und die Motoren: Der Tod des nur 24-Jährigen auf der Kreuzung des Highway 41 und der Bundesstraße 466 war wie kein anderes Ereignis geeignet, die Maxime des „Live fast, die young“ drastisch zu belegen. James Dean war zwar bei weitem nicht die einzige, doch eine der prominentesten Symbolfiguren dieses Wappenspruchs der neuen Jugendkultur. Obwohl der Farmerjunge aus Indiana in nur drei Kinofilmen eine Hauptrolle spielte, eignete er sich hervorragend als Projektionsfläche für die Generation der so genannten Halbstarken. In den Filmen „East Of Eden“ (Jenseits von Eden) und „Rebel Without A Cause“ („...denn sie wissen nicht, was sie tun“) spielt der Jüngling mit der kunstvoll zerwühlten Sturmfrisur den unverstandenen Sohn, der gegen schwache Väter rebelliert. Und auch in „Giganten“ ist er der Eigenbrötler, als der er sich auch im richtigen Leben immer inszenierte. Nach den vielen Nebenrollen in Fernsehdramen und zweitklassigen Kriegsfilmen war Dean endlich vom Ein-Satz-Darsteller auf die Überholspur des Superstars gewechselt. Dass man ihn zu den Rock’n’Rollern zählte, ist ein Missverständnis.

Tatsächlich war Dean ein Beatnik, der in Künstler- und Schwulenkreisen verkehrte, sich in Bildhauerei übte, Bongos spielte und Jazz hörte. Weil er aber Motorrad fuhr und ihn eine berühmte Fotostrecke von 1955 in typischer Lederkluft mit hochgekrempelten Nietenhosen zeigte (noch bis zum 3.10. in der Berliner Galerie Camera Work zu sehen), hielt man ihn postum für den Halbstarken, den er in „...denn sie wissen nicht, was sie tun“ ja auch spielte. Und passte nicht der Tod in einem der schnellen Autos, die Elvis Presley, Gene Vincent oder Jerry Lee Lewis besungen hatten, perfekt zum oberflächlichen Leben der neuen Generation? „He wore black denim trousers and motorcycleboots“ heißt es in einem Lied von Bert Convy über einen Halbstarken, der bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt. James Dean pflegte sein Rebellenimage auch privat: Er kam grundsätzlich zu spät zum Dreh, trug fast ausschließlich Jeans und Sweatshirt, gab sich mürrisch und streitsüchtig und führte das ausschweifende Leben eines Playboys, wobei man seine Affären mit Männern, darunter einigen Mächtigen des Hollywood-Establishments, sorgsam vor dem Publikum verbarg.

Fünfzig Jahre nach dem Unfalltod blüht der Dean-Kult unvermindert. „...denn sie wissen nicht, was sie tun“ kommt in einer restaurierten Leinwandfassung neu ins Kino, Bertrand Meyer-Stableys Biografie „James Dean" erscheint auf Deutsch (Langen Müller, 222 S., 19,90 Euro). Die Geschichte des Rebellen wird wieder im Tonfall einer Litanei vorgetragen. Das Märchen vom angeblichen Fluch, der die Käufer der Wrackteile des zerborstenen Porsche getroffen haben soll, wird aufgewärmt. Zeitzeugen, die Dean einmal begegneten, werden von der düsteren Ahnung des Todes berichten, die angeblich über dem zornigen jungen Mann lag. Am Ventura Boulevard von Los Angeles starten heute Dean- und Geschwindigkeitsfans zur Memorial Rallye und stellen um 17 Uhr 59 an der Kreuzung die Motoren ab. Und dem Umsatz mit James-Dean-Konterfeis wird ein Rekordergebnis vorausgesagt (www.jamesdean.com).

Er habe „viel mehr als das, was alle Coverboys der Welt zusammen genommen haben könnten“, sagte der Fotograf Roy Schott einst über James Dean. James Byron Dean lieh der Jugendkultur des weißen Mittelstandes, die man Pop nannte, sein Gesicht und seine Mimik, so wie Marilyn Monroe ihren Körper und Elvis Presley seine Stimme. Und wie diese beiden Ikonen schenkten die Fans auch James Dean das ewige Leben als Mythos – nach seinem Tod an einem zwar tragischen, im Grunde aber gänzlich banalen Verkehrsunfall.

„...denn sie wissen nicht, was sie tun“ läuft in Berlin in den Hackeschen Höfen und den Neuen Kant Kinos (jeweils OmU)

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