Kultur : „Es ist eine schwere Geburt“

Vor der „Zauberflöte“ am Wannsee: Christoph Dammann über das Vorbild Bregenz, mutige Investoren und wetterfeste Opernfans

Foto: DEAG
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Herr Dammann, bislang liest sich die Geschichte der von Ihnen gegründeten Seefestspiele Berlin wie eine Folge aus der Fernsehsendung „Pleiten, Pech und Pannen“. Erst scheitert das Vorhaben, die „Zauberflöte“ open air in Potsdam zu spielen, dann verbieten die Berliner Behörden am Ersatzspielort in Wannsee die geplante schwimmende Bühne, und jetzt mussten Sie die Zahl der Sitzplätze auch noch um 1000 pro Abend verringern. Wann haben Sie Ihre Idee zum ersten Mal verflucht?

Nie! Die Idee ist sehr gut, und die Geschichte ist ja noch nicht sehr alt. Es zeigt nur, wie anspruchsvoll und komplex das Projekt ist. Es ist eine schwere Geburt, aber ich kann Ihnen sagen, es wird ein sehr schönes und kräftiges Baby, ich habe schon wunderbare Ultraschallaufnahmen gesehen. Fürs erste Jahr haben wir trotz allem sehr viel erreicht.

Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee mit dem Freiluft-Opernfestival?

Ich bin schon lange ein Fan der Bregenzer Festspiele. Am österreichischen Bodenseeufer wird seit Jahrzehnten gezeigt, dass es möglich ist, spektakuläre Freiluftinszenierungen auf allerhöchstem künstlerischen Niveau zu realisieren. Gleichzeitig sind diese Festspiele ganz demokratisch: Da kommen viele Leute hin, die sonst nie in die Oper gehen, wie Untersuchungen gezeigt haben. Ich bin nach drei Jahren als Intendant in Lissabon nun nach Potsdam umgezogen, weil mir eine innere Stimme sagte: Jetzt musst Du diese Festspiele gründen, …

… sonst macht es ein anderer!

Na ja, die Hürde liegt schon sehr hoch. Mir war es von vornherein ein Anliegen, ohne öffentliche Subventionen auszukommen. Darum brauchte ich einerseits finanzstarke Partner, andererseits Profis für Veranstaltungslogistik und Kartenvertrieb. Einer, der beides kann, ist Peter Schwenkow, der Chef der Deutschen Entertainment AG. Also habe ich einfach bei seiner Sekretärin angerufen und erklärt, wer ich bin und was ich will. Innerhalb von 24 Stunden kam der Rückruf: Bitte vorbeikommen, das klingt interessant! Peter Schwenkow als Hauptgesellschafter zu gewinnen war ein großer Glücksfall. Zusammen mit Michael Mronz, der unter anderem die Showevents von Stefan Raab betreut, und dem Berliner Konzertveranstalter Burghard Zahlmann sind wir in der Lage, die Sache zu stemmen. Ohne die Zusage von Katharina Thalbach hätte es das Projekt allerdings nicht gegeben. Sie war die erste, die ich, noch von Portugal aus, für die Idee gewinnen konnte.

Sehen die Bregenzer Festspiele die Seefestspiele Berlin als Konkurrenten?

Nein, die sind so groß und erfolgreich, dass sie mit uns überhaupt kein Problem haben. Sie waren im Vorfeld sogar äußerst hilfsbereit.

Wie viel Geld werden Sie investieren?

Knapp drei Millionen Euro. Wir erfinden quasi aus dem Nichts ein großes Freilichttheater, für zwölf Vorstellungen mit allabendlich 3900 Plätzen. Bühne, Zuschauertribüne, Licht- und Tontechnik, alles wird gemietet für die vier Wochen Spielzeit hier am Wannsee. Es ist eine echte Pionierleistung. Darum werden wir auch im ersten Jahr die Kosten mit Sicherheit nicht decken können. 2011 geht es darum, das Defizit auf ein paar hunderttausend Euro zu begrenzen. Ende August werden sich dann meine Partner entscheiden, ob sie das Projekt langfristig fortführen können.

Ist es in Berlin nicht extrem waghalsig, Freiluftoper in Serie anzubieten?

Statistisch gesehen haben wir es hier im Sommer mit einer Niederschlagswahrscheinlichkeit zu tun, die tatsächlich zwei Drittel niedriger liegt als beispielsweise in Bregenz.

Gefühlt sieht das allerdings anders aus, gerade in diesem Jahr. Das Konzert der Berliner Philharmoniker ist diesmal ins Wasser gefallen. Andererseits waren trotz des Dauerregens am 2. Juli von 20 000 Ticketbesitzern 18 000 in der Waldbühne erschienen.

So etwas kann man auch bei allen anderen Freiluftfestivals beobachten: Das Publikum lässt sich durch Wettereinflüsse einfach nicht abhalten. Im Gegenteil: Es entsteht gerade an den heiklen Abenden eine richtig verschworene Gemeinschaft zwischen Bühne und Publikum.

Immerhin ist bei Ihnen das Orchester besser geschützt als in der Waldbühne.

Ja, sowohl gegen Wind als auch gegen Feuchtigkeit, die ja die wertvollen Instrumente bedroht. Wir haben ein halb transparentes Kuppelzelt, das seitlich von der Bühne aufgebaut wird. Mit den Solisten wiederum haben wir vertraglich vereinbart, dass auch bei widrigem Wetter gespielt wird – solange die Sicherheit auf der Bühne gewährleistet ist.

Wie viele Menschen machen insgesamt bei Ihrer „Zauberflöte“ mit?

Da sind zunächst die 16 Solisten, vier davon doppelt besetzt. Dann haben wir 41 Orchestermitglieder der Kammerakademie Potsdam, 40 Chorsänger und 16 Statisten. Dazu kommen noch das Leitungsteam und der große technische Stab, plus Garderobe und Maske, sodass wir auf 150 Mitwirkende kommen. Der Abenddienst wird von derselben Firma gemacht, die auch die Waldbühne betreut.

Sind hinter den Kulissen auch Berliner Theaterleute dabei, die während ihrer Ferien bei Ihnen anheuern?

Ja, wir haben beispielsweise einen Requisiteur vom Berliner Ensemble, Bühnentechniker von der Schaubühne und der Deutschen Oper und so weiter.

Ein absoluter Trumpf bei den Bregenzer Festspielen ist die brillante Tontechnik.

Die ist in der Tat Weltspitze. Ganz so perfekt werden wir im ersten Jahr nicht sein können – aber wir haben immerhin denselben Tonmeister, der viele Jahre lang das Waldbühnen-Konzert der Berliner Philharmoniker betreut hat.

Das Gespräch führte Frederik Hanssen. Die „Zauberflöten“-Premiere findet am 11. August um 19.30 Uhr statt. Weitere Infos unter: www.seefestspiele-berlin.de

Christoph Dammann, 1964 in Lübeck ge-

boren, war zunächst Sänger, ab 2000 dann Intendant der Opernhäuser von Köln und Lissabon. 2010 gründete er die Seefestspiele Berlin.

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