Essay : Metaphernblitze im Neuronengewitter

Ist die Poesie im Sinkflug? Ein Essay über lyrisches Sprechen im audiovisuellen Zeitalter / Von Joachim Sartorius.

Es springt uns an. Ein gutes Gedicht ist wie ein Überfall. Wenn wir es lesen, scheint es, als habe die Sprache nur auf diesen Moment gewartet – auf den Moment, in dem sie ihre Bestimmung findet. Das Bild zeigt eine Illustration von Jakob Krattiger. Foto: p-a/dieKLEINERT.de
Es springt uns an. Ein gutes Gedicht ist wie ein Überfall. Wenn wir es lesen, scheint es, als habe die Sprache nur auf diesen...Foto: picture-alliance / dieKLEINERT.d

Der heutige Dichter hat kein einfaches Los. Was vermögen Gedichte noch in dem tobenden audiovisuellen Basar, der uns umgibt? Die Art Literatur, die er schreibt, wird an den Rand gedrängt. Die Gedichtblindheit nimmt zu. Die Kultur der Gedichtvermittlung nimmt ab. Wahrscheinlich um seine Hellsicht unter Beweis zu stellen, ist es fatalerweise der Dichter selbst, der vom Unwert des Gedichts spricht und die schönsten Nekrologe verfasst, als müsse nicht gerade er das Steile des Gedichts hochhalten und auf dessen Erkenntniswert pochen.

Es kommt hinzu, dass es nicht wie in früheren Jahrhunderten einen Allgemeinstil für das Gedicht gibt, einen formal stilistischen Kanon. Erschwerend weiter, dass viele Bereiche der Poesie entrissen wurden. Für Beschreibung und Analyse ist Prosa zuständig, für Stimmungen sorgen die Pop-Poeten, für schräge Handlungsanweisungen im Haiku-Format die Werbetexter. Und so bleibt für Lyrik vielleicht nur noch eine Aufgabe, die an Sprachphilosophie grenzt: darzustellen, wie aus den Interferenzen von Wörtern und Gegenständen Wirklichkeit entsteht. Viele Dichter – Octavio Paz, Wallace Stevens, Paul Celan – haben diesen Zusammenhang, diesen Austausch von Sprache und Wirklichkeit in ihre Gedichte als Theorie eingebaut. Wenn das Gedicht glückt, die Welt im Gedicht zündet, dann lässt sich punktuell dieser Zusammenhang der Welt als Ganzes erfahren.

Doch ist die Zahl der Gedichte-Leser gering. Es gibt einen witzigen Essay des jungen Hans Magnus Enzensberger, in dem er zwingend nachweist, dass die Zahl der Lyrikleser in Deutschland seit Jahrzehnten absolut gleichgeblieben ist: 1354. Das ist die sogenannte Enzensbergersche Konstante.

Ist dieses nicht ganz einfache Los des Dichters nicht zum großen Teil selbst verschuldet? Das Übel, wenn man so will, nahm seinen Anfang mit dem Franzosen Stéphane Mallarmé, dem Gründer der modernen Lyrik. Auf die Frage, was das ist – Poesie – , hat er eine extremistische Antwort gegeben. Hugo Friedrich hat in seinem Buch über die „Struktur der modernen Lyrik“ diese Antwort so zusammengefasst: Nach Mallarmé erfährt die Poesie die Wirklichkeit als das Unzulängliche, die Transzendenz als das Nichts, das Verhältnis zu beiden als ungelöste Dissonanz. Was bleibt? Ein Sagen, das seine Evidenz in sich selber hat. Das Selbstgespräch als innerster Antrieb. Wichtige Stichworte sind: Abstraktion, Entpersönlichung, Sprachmagie, leerer Idealismus. Der Dichter ist ganz allein mit seiner Sprache. Hier hat er seine Heimat und seine Freiheit, dass man ihn ebenso gut verstehen wie nicht verstehen kann.

Das absolute Gedicht hatte die Kommunikation mit dem Leser gesprengt. Paul Celan war sicherlich einer seiner letzten bedeutenden Repräsentanten. Seine späten Gedichte sind ein Lallen in den Schatten hinein, ein Hingehen zum Schweigen. Verweigert nicht auch ein Teil der aktuellen Produktion, das Gedicht einer Ann Cotten, eines Oswald Egger, Steffen Popp oder Franz Josef Czernin, die Kommunikation mit dem Leser? Sie prägen das Bild vom Lyriker als exquisiten Außenseiter, den man in eine Ecke stellt – der bunte Vogel unter dem Glassturz – und nicht wirklich mehr wahrnimmt.

Es war Walter Höllerer, der 1965 einen frühen Angriff auf „die erzwungene Preziosität und Chinoiserie“ des Gedichts führte, in seinen „Thesen zum langen Gedicht“, die in jenem Jahr in der Zeitschrift „Akzente“ erschienen. Mit Blick vor allem auf die Entwicklung der amerikanischen Lyrik verwarf Höllerer „das Schweigen als Theorie einer Kunstgattung, dessen Medium die Sprache ist.“

Auch Höllerers Gründung von „Sprache im technischen Zeitalter“ vor genau 50 Jahren war ein Fanal. In seinem „Urtext“ zu dieser Zeitschrift schrieb er: „Diese vereinfachte, schnelle Verständigung kann aber in Bahnen geraten, die nahe an Sprachverhängnisse führen.“ Sprachverhängnisse! Was für ein Wort! Hier tut sich eine Antinomie auf: Zum einen die Hoffnung auf ein „universelles Sprechen“, zum anderen die Befürchtung, dass sprachlichen Eigenarten, speziellen Bedingungen, individualistischen Prägungen der Garaus gemacht wird. Für mich steht unverbrüchlich fest: Der Dichter ist der heftigste Widerspruch, der absoluteste Gegenentwurf zum Kollektiv. Geläufige Sprache verträgt sich nicht mit dichterischer Sprache. Wenn heute die Lage der Poesie konfus, bunt, postmodern pluralistisch ist, so hängt dies zum einen immer noch mit den Vitaminspritzen zusammen, die damals Höllerer und mit ihm Friedrich Christian Delius, Rolf Dieter Brinkmann, Jürgen Theobaldy und Nicolas Born dem Gedicht verabreichten.

Und es gab natürlich viele weitere Einflüsse, die nordamerikanische Lyrik, William Carlos Williams und Charles Olson, skandinavische Dichter wie Tomas Tranströmer und die herrliche Inger Christensen, sowie die lakonische, aller Rhetorik und Theatralik abholde osteuropäische Lyrik. Ich denke an den Russen Jossif Brodskij, den Ungarn János Pilinzsky, den Tschechen Miroslav Holub und das große polnische Trio: Czeslaw Milosz, Wiszlawa Szymborska und Zbigniew Herbert. Diese osteuropäische Lyrik war unvergleichlich, weil sie aus den Katastrophen des 20. Jahrhunderts gelernt hat.

Diese Dichter hatten ein Mitteleuropa erlebt, das eine einzige Geschichte der Gewalt ist. Nazi-Terror, stalinistischer Terror, kommunistische Regimes, Niederschlagung des Ungarn-Aufstands, Einmarsch in Prag. Diese Geschichte der Gewalt hat sich in ihre Körper und Seelen eingeschrieben und überall Risse und Furchen hinterlassen. Deshalb haben ihre Gedichte ein Gewicht und auch eine Tiefe der Verantwortung, denen die heutige Lyrik nichts Ebenbürtiges entgegenstellen kann. Anderes nur, Gedichte eben, die nicht Verantwortung übernehmen und nicht politisch sind, aber, im besten aller Fälle, sich um Wirklichkeit kümmern – und um Wege, die Welt zu verstehen.

Oberflächlich betrachtet geht es der Poesie gar nicht so schlecht. Die kleinen Lyrikverlage – kookbooks in Berlin, der Wiesbadener Lux Verlag, der Poetenladen in Leipzig – vermehren sich wie Hasenkolonien. Die Poesiefestivals multiplizieren sich. Bei den Open Mikes und den Slam-Poetry-Wettbewerben geht es hoch her. Preise und eingeübtes Schulterklopfen. Aber bei näherem Hinsehen fällt auf, dass die Poesie in ihrem eigenen Saft kocht. Es gibt keine Zuwächse in der Leserschaft. Die großen Literaturpreise, insbesondere der Deutsche Buchpreis in Frankfurt und die Leipziger Preise grenzen die Poesie aus. Damit ist einfach kein Absatz zu machen. Befragen wir die literarischen Verlage, Suhrkamp oder Hanser, so erfahren wir deprimierende Zahlen. Ein Literaturnobelpreisträger wie der karibische Dichter Derek Walcott kommt nie über 2000 verkaufte Exemplare hinaus; der bedeutendste lebende nordamerikanische Lyriker, John Ashbery, hat auch über viele Jahre hin bei uns nie mehr als 800, maximal 900 Exemplare verkauft.

Ist die Poesie also im Sinkflug? Wie kann man sie aus dem Hamsterrad der Lyrikschreiber und der Lyrikkenner, aus all der inzestuösen Verbissenheit befreien? Einige Zeit glaubte man, als die Rap-Poeten aufkamen und die Hinterhöfe und Marktplätze kleiner Städtchen am Abend sich mit ihnen füllten, dass diese Spielart der Spoken Poetry, mochten die Texte auch simpel sein, doch eine Lokomotive sein könnte, um auch die ernste Poesie aus dem Schattenreich zu ziehen und für sie ein Publikum zu gewinnen, das primär an Pop und Rock interessiert war. Außerdem knüpfe die Rap Poetry, so hieß es, in gewisser Weise direkt an die Uranfänge der Poesie an, welche ja stets gesungen oder inkantatorisch gesprochen wurde. Doch hat sich die Hoffnung auf einen Austausch zwischen diesen beiden Bereichen nicht erfüllt.

Das Gedicht, ist es gut, hat eine bestimmte Macht, einen Zauber. Und dieser Zauber kommt allein durch Sprache, durch Sprachgeschehen, das auf meist überschaubarem, von Weiß umgebenem Raum in rhythmisierter, musikalischer Verdichtung von der Suche eines Geistes berichtet. Die Variationsbreite dabei ist enorm – vom hoch Artifiziellen und Ingeniösen bis zum Demotischen und Banalen – weil so viele Stimmen, so viele Formen, so viele verschiedene Arten des konzentrierten und persönlichen Redens über uns und die Welt in der modernen Poesie versammelt sind. Jossif Brodskij hat es auf den Punkt gebracht: „Die knappste, am stärksten verdichtete Mitteilungsweise menschlicher Erfahrung.“

Warum dann diese Marginalisierung? Warum so viele Zahlen und Fakten, die gegen die Poesie sprechen? Und ist Marginalisierung überhaupt so beklagenswert? Gehört Poesie wirklich ins Fußballstadion? In MTV-Kanäle? In eine App wie Snippy, die Lesungen aufs Smartphone bringt? Liest man Poesie nicht am besten, am genauesten alleine?

Ich bin geneigt, eine Parallele zu den Malern zu ziehen. Die Maler, die Tafelbilder malen, fragen sich, ob ihre Kunst überhaupt noch existiert. Auf der Documenta in Kassel, die gerade läuft, wird die Malerei ganz an den Rand gedrängt. Zur Hälfte Video und Film, zur anderen Hälfte Installationen und Basteleien auf Werkraumtischen, ertränkt in einen Diskurs, der in der Bildenden Kunst langsam wichtiger wird als die prima materia, die Kunst selbst. Der Diskurs sucht sich seine Künstler aus, nicht umgekehrt. So weit sind wir in der Poesie noch nicht. Es gilt, was John Ashbery sagte, als er zu seiner Poetik befragt wurde: „Birds don’t make good ornithologists“ – Vögel geben keine guten Ornithologen ab.

Das ist umso erstaunlicher, als die Poesie nicht verstaubt ist. Ich erinnere an Durs Grünbein, seinen Gedichtband „Schädelbasislektion“, der ohne die Einarbeitung neurologischer Erkenntnisse so gar nicht denkbar wäre. Und ich weise auf das im letzten Jahr erschienene Buch „Gehirn und Gedicht“ hin, das der Dichter Raoul Schrott und der Professor für Allgemeine Psychologie an der FU, Arthur Jacobs, gemeinsam verfasst haben. Dichter und Wissenschaftler untersuchen all die Mikrooperationen des Gehirns, welche zur Entstehung eines Gedichts führen, indem sie die Überschneidungen zwischen elementaren Stilmitteln (Reim, Metapher und so fort) und elementaren Prozessen im Gehirn herausarbeiten. Und sie kommen zu verblüffenden Ergebnissen: Überall auf der Welt braucht man für die Lektüre einer Gedichtzeile drei Sekunden, was genau der Kapazität unseres neuronalen Arbeitsspeichers entspricht. Metaphern schlagen manchmal wie ein Blitz ein, weil sie ein gelungenes Produkt neuronaler Verknüpfungen sind. Gute Gedichte sind Illuminationen. Vom gesellschaftlichen Rand her sprechen sie auf eine sprachlich übervölkerte Mitte zu, die vom Gewimmel der Alltagsmedien und Fachsprachen beherrscht ist. Um ein letztes Mal Jossif Brodskij zu zitieren: „Innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums legt ein Gedicht eine enorme geistige Strecke zurück und gewährt einem oft gegen Ende eine Epiphanie oder Offenbarung.“

Worin kann eine solche Epiphanie bestehen? Aus meiner Sicht aus drei Komponenten: Die eine ist die überfallartige Wiederentdeckung einer Sprache jenseits der alltäglichen Sprache und ihrer ontologischen Leere. Es ist, lesen wir ein gutes Gedicht, so, als habe die Sprache auf die Poesie gewartet, gewartet auf dieses Gedicht, in dem sie ihre Bestimmung findet: fast so, als gebe es diese Sprache nur, damit dieses Gedicht geschrieben werden konnte.

Die zweite Komponente: Ein Gedicht strengt sich an, Welt zu nennen. Es kann Metapher für einen Weltmoment sein, in dem Sprache und Wirklichkeit auf eine vertrackte, so noch nicht vernommene Weise übereinstimmen. Jenseits von dem, was uns mit seiner audiovisuellen Bilderflut erdrückt, gewinnen wir einen Blick auf die Wirklichkeit. Und, das ist das dritte Element: Diese Erkenntnis kann begleitet werden von einem herrlichen Gefühl der Freiheit, das wir sonst vielleicht nur noch in der Musik spüren.

Als das Violinkonzert von Arnold Schönberg bei seiner Uraufführung in Wien von der Kritik zerrissen wurde, meinte Schönberg, dass ein Häftling, der ein Jahr lang jeden Morgen sein Violinkonzert hören müsse, am Ende aus dem Gefängnis ginge und dieses Musikstück wie das Violinkonzert von Tschaikowsky pfeifen könne. Nun wünsche ich niemandem eine solche Haft, um an Gedichte herangeführt zu werden. Aber es wäre eine schöne Utopie, wenn Lyrik zur Verfügung stünde wie Benzin an den Tankstellen oder wenn sich in den Schubladen der Hotelnachttische nicht die Bibel, sondern ein Buch mit den hundert besten Gedichten fände. Dann nähme die Poesie wieder Fahrt auf, fühlte Luft unter ihren Flügeln und könnte, ihre Federn zählend, aus dem Sinkflug heraus wieder an Höhe gewinnen.

Joachim Sartorius, bis Ende 2011 Intendant der Berliner Festspiele, lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. Sein Text ist die gekürzte Fassung der Walter-Höllerer-Vorlesung, die er zu Ehren des 50-jährigen Jubiläums der von Höllerer gegründeten Zeitschrift „Sprache im technischen Zeitalter“ an der TU Berlin hielt.

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