Ester Amrami mit "anderswo" : Das große Kind

„anderswo“ erzählt von einer Israelin in Berlin - und von der Suche einer jungen Erwachsenen nach sich selbst. Neta Riskin pendelt als Noah zwischen Glück und Hilflosigkeit.

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Sie möchte kuscheln, die Eltern wollen lesen: Noah (Neta Riskin, Mitte) sucht Orientierung.
Sie möchte kuscheln, die Eltern wollen lesen: Noah (Neta Riskin, Mitte) sucht Orientierung.Foto: PROMO

Wo gehöre ich hin? In die Stadt, in der ich mir langsam ein Leben aufbaue, mit einem Partner, einer Arbeit? Oder in das Land, in dem meine Familie lebt, wo ich herkomme, meine Wurzeln habe? Ankommen, neu anfangen, sich festlegen, so viele Möglichkeiten. Noa ist Anfang 30. Und steckt in einer Krise.

Seit acht Jahren wohnt die Israelin (Neta Riskin) in Berlin und ist gerade zu ihrem Freund Jörg (Golo Euler) gezogen. Alles scheint so gut zu sein. Doch dann lehnt die Universität das Thema ihrer Abschlussarbeit ab, und Noa fliegt spontan nach Tel Aviv zu ihrer Familie. In ihrer Heimat findet sie aber auch nicht die Geborgenheit, die sie sucht. Eines Abends liegt die junge Frau bei ihren Eltern im Bett und versucht, zu kuscheln, wie ein Kind. Doch die beiden möchten lesen, und so liegt Noa zwischen ihnen, eingequetscht, mit starrem Blick an die Decke. Ja, und dann steht plötzlich noch Jörg vor der Tür und will wissen, was denn eigentlich los ist mit ihr.

Ester Amrami mit Spielfilmdebüt

Es ist kein neues Thema, das sich die Regisseurin Ester Amrami für ihr Spielfilmdebüt „anderswo“ ausgesucht hat: die Suche einer jungen Erwachsenen nach sich selbst, nach dem Sinn, dem Glück. Bei Noa kommt hinzu, dass sie Israelin ist und zwei Länder ihre Heimat nennt, die es beide nicht gänzlich sind. Wie Noa stammt die Regisseurin aus Israel und lebt in Berlin. 2006 hat sie eine Doku über eine junge Israelin in Deutschland gemacht, die per Videobrief mit den Großeltern in der Heimat kommuniziert. 2011 drehte sie den Kurzfilm „Zwei Männer und ein Tisch“, in dem ein Mann seine israelische Herkunft verheimlicht.

Nur selten öffnet sich Noa in dem recht nüchtern erzählten Geschehen. Einmal liegt sie auf den Knien ihrer Mutter, klein, eingerollt – und weint. „Ich vermisse dich. Wo bist du? Ich finde dich nicht.“ sagt sie, lässt sich für einen Moment festhalten und den Zuschauer mitfühlen. Ihr Inneres beschreibt ansonsten ihre Masterarbeit. Dort verarbeitet Noa Interviews mit Menschen verschiedener Kulturen, die ihre unübersetzbaren Wörter zu erklären versuchen. So meint das portugiesische „saudade“ eine bestimmte Art der Sehnsucht, das italienische „magone“ ein schweres Gefühl im Bauch. Leitmotive auch für Noa – bis sie ihren Platz am Ende findet.

Central; Filmkunst 66, Moviemento; OmU im fsk am Oranienplatz

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