Europa und die Flüchtlinge : Die zweite Kammer des Herzens

Europa braucht eine neue Offenheit gegenüber Fremden – in Ost und West. Anmerkungen der ungarischen Schriftstellerin Zsófia Ban.

Zsófia Bán
Draußen vor der Tür. Ein Flüchtling am Grenzzaun in Horgoš an der serbisch-ungarischen Grenze (September 2015).
Draußen vor der Tür. Ein Flüchtling am Grenzzaun in Horgoš an der serbisch-ungarischen Grenze (September 2015).Foto: Gregor Fischer/dpa

Die Schriftstellerin Zsófia Bán, 1957 als Kind jüdischer Eltern in Rio de Janeiro geboren, wuchs bis zu ihrem 12. Lebensjahr in Brasilien auf, bevor ihre Familie 1969 nach Ungarn zurückkehrte. Neben zahlreichen Essays hat sie auch Prosa geschrieben. In der Übersetzung von Terézia Mora liegen im Suhrkamp Verlag sowohl der Roman „Abendschule – Fibel für Erwachsene“ (2012) als auch der Erzählungsband "Als nur die Tiere lebten" (2014) vor. Er stand auf der Shortlist zum Internationalen Literaturpreis Haus der Kulturen der Welt. Bán, die als außerordentliche Professorin Amerikanistik an der Budapester Loránd-Eötvös-Universität lehrt, hat zahlreiche hochrangige Auszeichnungen erhalten, darunter den Tibor-Déry-Preis und den Attila-József-Preis. Noch bis August ist sie Stipendiatin des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. Zsófia Bán liest und diskutiert am 10. Februar im Literarischen Colloquium Berlin ab 19 Uhr in der Reihe „Das Weiße Meer“. Unter dem Titel „Odyssee nach Europa” geht es in dem mit der Allianz Kulturstiftung entwickelten Projekt um das Drama der Massenflucht nach und durch Europa. Dazu nehmen Stellung neben Zsófia Bán: Rasha Abbas aus Syrien, Amanda Michalopoulou aus Griechenland, Vladimir Arsenijevic aus Serbien, Aleš Šteger aus Slowenien und Ingo Schulze aus Berlin. Nora Petra Lachmann hat Zsófia Báns nachstehenden Text aus dem Englischen übersetzt.

Vor einem Monat habe ich mir mit meiner neunjährigen Tochter die „West Side Story“ in der Komischen Oper angesehen. In meiner Jugend war das eins meiner Lieblingsmusicals, und ich hatte mir vorgestellt, wir würden einfach die schöne Erinnerung, die wunderbare Musik und die großartigen Choreografien gemeinsam erleben. Doch zu meiner Bestürzung verwandelte sich die tragische Liebesgeschichte vor dem Hintergrund rivalisierender Jugendbanden, der Auseinandersetzungen zwischen Jets und Sharks, zu einer herzzerreißenden Allegorie auf die Geschehnisse im heutigen Europa.

Die Sharks, ursprünglich Kinder von Immigranten, doch mittlerweile amerikanische Bürger, wollten ihr Viertel gegen „Eindringlinge“ verteidigen, Puertoricaner, die erst vor Kurzem ins Land gekommen waren und hofften, in New York ein besseres Leben zu finden. Die Geschichte, die Lieder, die Personen waren noch dieselben, doch gegenwärtige Entwicklungen ließen das Stück plötzlich in einem andern Licht erscheinen. Gegen Ende der Berliner Aufführung wurde Anita, die Freundin Marias, als Botin der Jets von den Sharks nicht nur angegriffen und vertrieben, sondern von allen vergewaltigt.

Das war nur ein paar Tage nach den Vorfällen am Kölner Hauptbahnhof. Ich bat meine Tochter, wegzusehen, doch später äußerte sie die Hoffnung, dass so etwas nur auf der Bühne geschieht. Da musste ich ihr die Wahrheit sagen und zusehen, wie in ihr eine weitere Illusion zerbrach. Doch was immer auch geschieht, wir müssen es uns ansehen, wenigstens im Kopf, wenn die Augen es nicht können. Wir müssen weiter Fragen stellen, müssen versuchen, zu verstehen, müssen offen bleiben. Schließlich ist ein offener Geist der Kern dessen, was wir unter europäischer Kultur verstehen.

Immer wieder wirken Ereignisse unserer Geschichte bewusstseinsverändernd, das heißt nach ihrem Eintreten können Menschen oder auch ganze Kulturkreise nicht mehr länger in denselben Bahnen denken, sie sehen die Dinge aus einem anderen Blickwinkel. Dazu müssen sich Ansichten verändern, idealerweise muss dem ein Sinneswandel folgen, vergleichbar mit einer spirituellen Umkehr.

In der Bibel drückt das hebräische Wort nacham (wörtlich: seufzen) den Kummer über ein vergangenes Geschehen aus, eine Art Reue. Es wird „manchmal als Trost verwendet, wenn etwas verloren ist“, und die alte griechische Übersetzung ersetzt nacham durch metanoia (meta plus noein = nachdenken). Manchmal ist die bewusstseinsverändernde Wirkung von Ereignissen sofort deutlich, während es bei anderen lange dauert, bis man erkennt, welche grundlegenden Veränderungen sie im Denken und Fühlen bewirkt haben. Der Holocaust war ein Ereignis, nach dem in Europa ein drastisches metanoia stattfand, ein radikaler Sinneswandel. Nichts konnte danach mehr bleiben, wie es war, eine neue Ära, die Ära nach dem Holocaust, begann unter der Last einer Erkenntnis, die kaum zu ertragen war. Gleichzeitig tat sich ein weiter Riss im Kontinuum der Geschichte und Kultur des modernen Europas auf, das sich immer als Erbe der Aufklärung und der damit verbundenen Werte gesehen hatte. Obwohl sich dieser Riss nicht schließen ließ, gab es doch Hoffnung auf einen möglichen neuen Anfang. Nach dem Krieg musste Europa einen Weg zurückfinden zu den alten Werten der Menschlichkeit, um seine Identität, sich selbst wiederzufinden.

Hinter der Berliner Mauer war Europa zum Schweigen verurteilt

Doch im Zuge der Entstehung kommunistischer Diktaturen konnte nur eine Hälfte Europas den unerlässlichen Prozess des metanoia durchlaufen, konnte trauen, bereuen und erneut leben lernen – es war, als würde man nur mit einem Lungenflügel atmen, als würde nur eine Herzkammer schlagen. Es war buchstäblich ein halbherziger Versuch der Wiederherstellung eines Selbst, dessen Kern die Offenheit ist, die Neugier auf das Neue, das Andere – Merkmale von Odysseus, dem Helden des wohl Symbolträchtigsten aller kulturellen Werke, die Europa hervorgebracht hat. Hinter dem Eisernen Vorhang, hinter der Berliner Mauer war Europa zum Schweigen verurteilt und konnte sich so nicht dem Prozess unterziehen, der notwendig gewesen wäre, um einen wirklichen Sinneswandel hervorzurufen. Alte Denkmuster, Stereotype und Reflexe wurden konserviert wie Fußabdrücke von Dinosauriern in jahrhundertealten Gesteinsschichten und warteten nur darauf, mit dem richtigen Zauberspruch zum Leben erweckt zu werden, in diesem Fall mit der Rhetorik des Hasses.

In den letzten sechs Jahren hat die rechte Regierung in Ungarn, im Verein mit der extremen Rechten, schamlos die Rhetorik des Hasses angewandt, um die vorhandenen Ängste und Unsicherheiten der Menschen zu schüren und in anderen das Schreckgespenst neuer, noch ungeahnter Ängste hervorzurufen. In Ungarn hat keine Bearbeitung geschichtlicher Traumata stattgefunden (selbst nach dem Ersten Weltkrieg nicht, als drei Viertel des Landes verloren gingen), und deshalb wurde auch über die Erlebnisse Einzelner lange geschwiegen. Das ganze Land schien in einen tiefen Schlaf versetzt durch einen Fluch, den entgegen allen Hoffnungen nicht einmal der politische Umbruch 1989 brechen konnte.

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