Eva Kemlein im Centrum Judaicum : Wimpernschläge

Die Fotografin Eva Kemlein durchstreifte mit ihrer Kamera das Berlin der Nachkriegszeit. Jetzt zeigt das Centrum Judaicum ihr Werk.

Carolin Haentjes
Szene vom Berliner Schwarzmarkt, 1945.
Junge, Junge. Szene vom Berliner Schwarzmarkt, 1945.Foto: Eva Kemlein

Als das Berliner Schloss 1950 gesprengt wurde, hing die Fassade, bevor sie zu Boden krachte, für einen kurzen Moment zitternd in der Luft. Eine Sekunde, in der es schon nicht mehr Gebäude und noch nicht Schutthaufen war, in der es aussah wie eine zerplatzende Illusion. Für solche Momente hatte die Fotojournalistin Eva Kemlein ein Gespür, auch wenn sich diese Ebene ihrer Aufnahmen oft erst auf den zweiten Blick erschließt, so unprätentiös kommen sie daher.

Pragmatisch begann auch ihre Karriere. Im Mai 1945 standen der Journalist Rudolf Herrnstadt und der Schriftsteller Fritz Erpenbeck bei ihr vor der Tür. Mit der Frage „Hast du noch ’ne Kamera?“ wurde sie als Fotoreporterin für die entstehende „Berliner Zeitung“ rekrutiert. Bildmaterial musste her. Kemlein, 1909 als jüdische Kaufmannstochter in Charlottenburg geboren, hatte vor dem Krieg kurz als Fotografin gearbeitet – vor dem Berufsverbot durch die Nazis und bevor sie sich über drei Jahre bis Kriegsende in Berliner Kellern verstecken musste.

Auswahl des Werks bis Mitte der 60er

Ihre Leica aber hatte sie retten können. Und das reichte. Das Nötigste wurde provisorisch zusammengetragen, ein Kleiderschrank zur Dunkelkammer umfunktioniert, und die erste Ausgabe der Zeitung aus der Taufe gehoben. „Berlin lebt auf!“, lautete die Schlagzeile, so heißt auch die Ausstellung im Centrum Judaicum, die Eva Kemlein als Persönlichkeit und Chronistin der Berliner Nachkriegsgeschichte würdigt.

Aus 300 000 Negativen ihres Werks ist eine Auswahl bis Mitte der 60er Jahre zu sehen. Präsentiert werden Fotografien aus dem Theater, bei Brecht- Aufführungen oder von Freunden wie Ernst Busch, außerdem Reportagen aus dem Trümmer-Berlin und Bilder vom Stadtschloss, die im Auftrag der DDR- Führung vor und während der Sprengung entstanden.

Eine Spur Ironie sichtbar

Kemlein war Fotojournalistin aus Überzeugung. Ihre Bilder zielen nicht auf technische Perfektion, versuchen keine ästhetische Herausforderung. In ihnen geht es um das Besondere, etwa einer Inszenierung auf und jenseits der Bühne. Fotografisch ist Letzteres interessanter. Kemlein fand das Theatrale auch im Alltag: Bei den Jugendlichen, die sich mit ihren Zigaretten vom Schwarzmarkt übermütig präsentieren, bei der Frau, die das Eis in der Badewanne mit dem Hammer zertrümmert.

Zugleich wird eine Spur Ironie sichtbar, ein leiser Unterton in den Geschichten, die Kemleins Fotos erzählen. Da ist man versucht, ihre Bilder auch politisch zu deuten. Immerhin blieb die 2004 mit 95 Jahren verstorbene Fotografin zeitlebens Kommunistin. Zu Mauerzeiten lebte sie im Westen, arbeitete im Osten und wurde zwischenzeitlich von beiden deutschen Geheimdiensten gleichzeitig überwacht. Dazu passt jenes Bild mit den zwei Soldaten vor dem zusammenbrechenden Stadtschloss, die durch Unschärfe und Uniform einander ähneln. Der eine scheint den Abriss mit ruckartiger Geste zu befehlen, der andere sich unter den stürzenden Trümmern wegzuducken. Es scheint, als stünden sie auf zwei Seiten der Historie: Der eine gewinnt, der andere verliert. Grundsätzlich aber unterscheidet sie nichts.

Centrum Judaicum, Oranienburger Str. 28 /30, bis 30. April 2017. So – Do 10 – 18 Uhr, Fr 10 – 15 Uhr.

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