Ex-Komiker Beppe Grillo : Der Mann, dem das Lachen verging

Beppe Grillos Bewegung "Fünf Sterne" konnte sich bei der Italien-Wahl gegen das politische Establishment behaupten. In seiner Heimat wird der Ex-Komiker in den Medien diffamiert – mit weitreichenden Folgen auch im Ausland.

Petra Reski
Entschlossen. Der Ex-Komiker und Neu-Politiker Beppe Grillo
Entschlossen. Der Ex-Komiker und Neu-Politiker Beppe GrilloFoto: afp

Langsam drehen sie hier völlig durch, dachte ich, als ich hörte, wie im Radio aus meinem Interview zitiert wurde. Einem Interview, das noch gar nicht erschienen ist. Ich habe es mit Beppe Grillo geführt, dem Wahlsieger und Anführer der Bürgerbewegung Cinque Stelle (Fünf Sterne), dem Satiriker, Moralisten, Umweltschützer und Antichristen der italienischen Politik. Weil er in der etablierten Presse als „Populist“, „Komiker“, „Faschist“, „Demagoge“, „Putschist“, „Antisemit“, „Rassist“ oder auch als „Rotbrigadist“ diffamiert wird, gibt Grillo der italienischen Presse keine Interviews mehr. Also stürzt man sich hier auf alles, woraus eine Nachricht gebastelt werden könnte. In diesem Fall auf eine Vorabmeldung. Die als Beweis dafür herhalten sollte, dass Grillo bereit sei, eine große Koalition aus linksdemokratischer PD und Berlusconis PDL zu unterstützen. Eine klare Falschmeldung. Die ich zwar umgehend dementierte, die aber dessen ungeachtet immer noch durch das Netz geistert und in nahezu allen Nachrichtensendungen zitiert wurde. In diesen Tagen geht es um die Regierungsbildung in Italien, da sind alle Mittel recht.

Denn vor einer Woche sind alle Gewissheiten der letzten Jahrzehnte auf den Kopf gestellt worden: Eine Bewegung, die kein Geld hat, keine Fernsehsender, keine Tageszeitung, kein Verlagshaus, keine Banken, schaffte es, stärkste Partei zu werden. Ein Viertel der Italiener hat für die Bewegung Fünf Sterne gestimmt, die sich so nach den fünf Leit-„Sternen“ (Wasser, Umwelt, Transport, Internet, Entwicklung) ihres Gründungsprogramms nennt – und die hinter dem erstarrten Rücken der italienischen Politkaste im Netz gewachsen ist.

Seit 20 Jahren herrschen in Italien Politiker, die sich mit der Mafia arrangieren und das Land als Privatschatulle betrachten. Der Erfolg der Bewegung Cinque Stelle war daher nicht überraschend. Bis sie antrat, war der Ausgang der Wahlen in Italien so spannend wie in der DDR zu Honeckers Zeiten: Es siegte Berlusconi. Und wenn er ausnahmsweise mal nicht siegte, kaufte er Abgeordnete, um die Regierung wenig später zu Fall zu bringen.

Wenn Berlusconi dann wieder gesiegt hatte, murrten die Linksdemokraten etwas, richteten sich aber schnell bequem ein, mit Blick auf den bösen Mann: Gott ja, was soll man auch gegen ihn machen? Das Fernsehen gehört ihm! Das größte Verlagshaus auch! Und der größte Fußballverein! Sie versuchten sich damit zu trösten, dass es ja auch ein paar Regionen, Städte und Banken gab, die ihnen gehörten. Ansonsten laugte sie das Schattendasein in der Opposition derart aus, dass sie, selbst wenn sie ausnahmsweise kurz an der Macht waren, sich nicht aufraffen konnten, ein Gesetz zum Interessenskonflikt zwischen der Rolle als Ministerpräsident und größter Medienunternehmer des Landes zu erlassen. Auch für ein neues Wahlgesetz sorgten sie nicht, das der Absurdität ein Ende bereitet hätte, eine Partei, die 30 Prozent der Stimmen erlangt, mit der Mehrheit der Parlamentssitze zu belohnen.

Beppe Grillo saß in keiner Talkshow, er ist weder Milliardär noch Parteikader, er hatte keine Leitartikler an der Leine und wurde schon lange vor Berlusconis Säuberungswelle aus dem Fernsehen beseitigt: Der inzwischen verblichene Sozialistenchef Bettino Craxi verbannte ihn, als Grillo sich nicht mehr damit begnügte, Sitten und Gebräuche zu verspotten, sondern die politische und soziale Wirklichkeit Italiens kritisierte. Von da an zog er durch die großen Theater des Landes, er schlachtete die heiligen Kühe der Rechten und der Linken, gründete einen erfolgreichen Blog und gab einer Gegenöffentlichkeit eine Stimme.

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