Fast fotorealistisch: Malerei von Edite Grinberga : Mein liebstes Negligé

Bauschende Vorhänge und ein Sandsack: Edite Grinberga und in der Galerie Friedmann-Hahn.

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Im Mantel fängt sich das Licht der Sonne
Im Mantel fängt sich das Licht der SonneFoto: Friedmann-Hahn

Ein vom Wind gebauschter weißer Vorhang erhebt sich über den „Koffer in Castiglioncello“. „Zwei Pässe“ in einem zerwühlten Bett, ebenso flüchtig zurückgelassen wie der rote Schal, der in „Mariannenplatz“ vom Stuhl rutscht. Koffer und Stühle, Bücher, Skalpelle und Tücher – symbolisch aufgeladene Requisiten werden in den Bildern von Edite Grinberga zu Antagonisten. Die Hauptrolle spielt der leere Raum. Ein geradezu perfektes Setting für rätselhafte Erzählungen. In der filigranen Stofflichkeit verleiht die 1965 in Lettland geborene Malerin ihren Motiven etwas Melancholisches und einen anthropomorphen Touch. Ein Pullover hoch oben an einem Bügel scheint aus der Dachluke zu blicken, und in das schwarze „Negligé“ am Haken hat sich der Körperabdruck im Stoff abgelagert.

Mit hochdramatischem Licht- und Schattenspiel unterstreicht Grinberga das Geheimnisvolle ihrer menschenlosen Räume. Sind sie ein Fluchtpunkt oder Ruheraum, ein Gefahren- oder Rückzugsort? Wer oder was hat die Leere ausgelöst? Die reduzierte Motivik, die wie beiläufig dastehenden Alltagsdinge könnten durchaus Geschichten entfalten. Wenn dies nicht so recht zünden mag, so ob der überbordenden Fülle von mehr als 30 Arbeiten in der Galerie Friedmann-Hahn. Gerade die Leere, die Grinberga beschwört, bräuchte mehr Raum zur Entfaltung. Im geballten Nebeneinander wird der schematische Aufbau allzu offensichtlich. Die unterkühlt hellen Szenerien mit ihren farbig abgesetzten Gegenständen, meist als Schattenwurf gedoubelt, bleiben seltsam kulissenhaft.

Das Handwerk erlernt hat Edite Grinberga in den achtziger Jahren an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste in Riga. Ihr Vermögen zur Perfektion kostet sie weidlich aus. Kaum ein Pinselstrich ist auf den hauchfein lasierten, zwischen Hyperrealismus und Film noir schillernden Ölbildern (Preise zwischen 2250 und 14 500 Euro) auszumachen. Doch die Malweise, gemischt mit dem Hang zu Theatralik, gerät der seit 1990 in Berlin lebenden Künstlerin zur Stolperfalle. Allzu schnell gleitet der Blick an der perfekten Oberfläche ab. In Tiefen, in Untiefen dringt er nicht vor. Im „Morgen mit Boxsack II“ schaukelt ein Handtuch auf einer Seilkonstruktion, der Boxsack liegt auf dem Boden. Aber welcher Sturm hier getobt haben könnte, das geht in der Eleganz der Leere unter. Galerie Friedmann-Hahn, bis 17. März; Wielandstr. 14, Di-Fr 12-19 Uhr, Sa 11-16 Uhr.

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