Kultur : Faul ist der Apfel

Böse: Rasmus Gerlachs Doku „Apple Stories“.

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Kurz vor Schluss liefert Rasmus Gerlachs Dokumentarfilm „Apple Stories“ einen ungewollten Kommentar zur gegenwärtigsten Gegenwart. Da steht ein Mann, den die Bauchbinde als ägyptischen Parlamentsabgeordneten ausweist, im Jahr 2011 auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Und vertraut Gerlachs Kamera hoffnungsstrahlend an, dass man künftig, wenn ein Präsident sich nicht dem Willen des Volkes gemäß verhalten wolle, einfach seine Smartphones und Handys nehmen, sich am Tahrir verabreden und dort dann dafür sorgen werde, dass alles wieder in Ordnung kommt. Diese versöhnliche Wendung – dass die Smartphone-Industrie nicht nur Ungerechtigkeit und prekäre bis unmenschliche Arbeit mit sich bringt – wirkt angesichts der jüngsten Wirren in Ägypten aus der Zeit gefallen.

Damit bleibt, folgt man Gerlachs 83-Minüter, der das Handeln, Werken und Sein mit Apple-Geräten und den ihnen zugrundeliegenden Rohstoffen über drei Kontinente begleitet, nicht viel, was man den Produkten mit dem angebissenen Apfel zugutehalten kann. Im Gegenteil: Wo die dümmlich-beglückten Wohlstandsgesichter westlicher Apple-Jünger gegengeschnitten werden mit denen ostafrikanischer Minenarbeiter, von denen laut Off-Kommentar kaum einer älter als 30 wird, entsteht eine Ahnung, wer wie teuer für die Erreichbarkeit anderer bezahlt. Und wer hört, wie Wanderarbeiter des chinesischen Apple-Geräte-Herstellers Foxconn vorm Werkstor über ihren Lohn klagen und dann von Sicherheitskräften zum Schweigen gebracht werden, bekommt eine Ahnung davon, dass die Dialektik von Proletariat und herrschender Klasse kein Ding einer schwerindustriellen Vergangenheit ist, sondern bloß räumlich entzerrt und damit bei uns unmerklich.

Allein: Wirklich überraschend ist das alles nicht. Wer eine Tiefenanalyse der Verstrickung von Apple in afrikanisches Rohmetall-Unrecht erwartet, erhält raunende Informationen über Schmuggel zu Bildern aus einer zertifizierten Mustermine, die freilich immer noch einigermaßen erschütternd sind. Und wer Einblicke in das System Foxconn erwartet, besucht mit der Kamera nur eine Plagiatsfabrik. Die Aussage der in ihrer Machart konventionellen Doku wird dadurch nicht weniger wichtig – wenn auch nicht ganz klar ist, warum derart auf den einen Hersteller Apple fokussiert wird. Sie ist so nur eher etwas für Schulklassen vor den Sommerferien. Oder – gerade mit dieser Fokussierung – etwas für die Jünger in den Apple-Stores. Johannes Schneider

In den Kinos Eiszeit und Lichtblick

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