Kultur : Faust auf Flügel

Die „Sonic Arts Lounge“ beim Märzmusik-Festival.

Volker Lüke

Klavierspielen, Mann – du kannst eine Menge Geräusche machen, mit wenig Personal! Das weiß auch der Berliner Pianist Reinhold Friedl, der uns das als Inside-Piano-Spezi und Leiter des Zeitkratzer-Ensembles schon häufiger gezeigt hat. Nun aber, bei der Aufführung von Nicolas Collins’ „Roomtone Variations“, bei dem die Resonanzfrequenzen des Konzertsaals im ausverkauften Berghain per Computer in Echtzeit nachgezeichnet und dann von Friedl am Flügel variiert werden, bleibt alles spannungslos in der Theorie stecken.

Auch Alvin Luciers 4-Kanal-Tonbandstück „RMSIM 1, The Bird Of Bremen Flies Through The Houses Of The Burghers“ von 1972, das den Flug eines Vogels mit Mikrofon durch verschiedene Räume simuliert, hätte man in dem Gedränge trotz der genialen Anlage lieber mit Kopfhörer gehört. Sonst ist alles gut in der „Sonic Arts Lounge“, die auch in diesem Jahr als fester Bestandteil des „Märzmusik“-Festivals an drei Nächten im Berghain Grenzgänger vorstellt, die sich an der Schnittstelle von experimenteller Musik und Clubkultur bewegen.

Den Dienstag beschließt Minimal- Guru Arnold Dreyblatt, der mit seinem berüchtigten Stahlsaitenbass und drei Begleitern am Schlagzeug, modifizierten Stromgitarren und mikrotonaler Tuba das Geschirr im Regal des Oberstübchens zum Schwingen bringt. Ein klassischer Oberton-Genuss, der am nächsten Tag noch übertroffen wird: The Necks, das seit 1987 bestehende Trio aus dem australischen Sydney, klappt in konzentrierter Entspanntheit einen Raum zum Wegdriften auf und spielt sich mit zwei knapp einstündigen Stücken durch ein Universum beflügelter Augenblicke. Hypnotisch und packend, mit meditativen Klangströmen, deren Steigerung ins Unermessliche das begeisterte Publikum in einen unwiderstehlichen Sog zieht.

Klavierspielen, Mann! Chris Abrahams formt ausdauernde Ostinato-Muster und bringt mit geballten Fäusten den Flügel zum Beben. Dazu spinnt Tony Buck ein feines Netz der Perkussion, schafft neue Dimensionen mit tiefen Trommeltönen und zischenden Becken, während Lloyd Swanton am Kontrabass aufpasst, dass nichts davonfliegt. Man denkt an eine Kreuzung aus Terry Riley und Alice Coltrane, aus der eine Ritualmusik entsteht, in der sich die Errungenschaften der klassischen Minimal-Musik mit dem spirituellen Brennstoff des Jazz verbindet. Trance? Ambient? Musik wie ein großer Fluss?

Womöglich. Auf jeden Fall erweitern The Necks die Grenzen des hypnotischen Zustands, ohne sich an eine formulierte Wiederholung zu halten. Dabei scheint jeder der Musiker tief in sich hineinzulauschen, um die innere Musik dann wieder so zu entlassen, dass am Ende fast so etwas wie ein Hauch Glückseligkeit entsteht – das große Gefühl, bei dem alle Anwesenden vor und auf der Bühne den entscheidenden Millimenter über dem Boden schweben. Volker Lüke

Märzmusik läuft noch bis 23. März.

Infos unter: www.berlinerfestspiele.de

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