Kultur : "Faust": Ein Held der Arbeit

Christoph Funke

Arbeit, Arbeit, nichts als Arbeit. Faust, der Gelehrte, gedrungen, kräftig, fast schon kahl und mit der Brille auf der Nase, ist des Zornes voll. So viel Mühe, so wenig Ertrag. Er sitzt, kauert, hockt, liegt unter der Lesemaschine, dem Schöpf- und Mühlrad wissenschaftlicher Anstrengung, raunzt und schimpft und brüllt. Aber auch die Geister wollen nicht gehorchen, obwohl der Rasende immer wieder die liegende Acht, das Zeichen für Unendlichkeit, mit Kreide auf den Boden malt, bis zur Erschöpfung.

Begonnen hat Goethes Tragödie vom immerfort strebenden Faust im Deutschen Nationaltheater Weimar vor diesem Kraftakt leise und zögernd - mit der Zueignung, von Damen und Herren des Opernchors im Parkett geflüstert, gesprochen, schließlich gesungen. Dann der wütende Streit dreier temperamentgeladener Herren eine Etage höher, im Rang. Und nach diesem "Vorspiel auf dem Theater" gab es endlich Licht auf die durch ein hochragendes Gerüst mit Wolkenbemalung verschlossene Bühne. Die Engel des "Prologs im Himmel" schneiden sich kreisrunde Löcher aus den Wolken, preisen den Herrn, artig die Gesichter zu mannigfaltigen Figuren drehend. Mephisto, unten auf der Erde, ist unversehens da, ein pubertierendes schmales Bürschchen mit heller, ein wenig heiserer Stimme, im roten Pullover, den hinten schwarze, wie schon verbrannte Flügelchen zieren.

Der Chor drängt sich immer wieder ins Spiel, beobachtend, kommentierend, singend. Eine "Welt" für Faust gibt er dennoch nicht her - denn der bleibt lieber allein mit dem freundlich rasch eroberten Mädchen und seinem kleinen Freund Mephisto, der sich beim Abschluss des Paktes durchaus einen zarten Hauch Homoerotik leisten darf.

Ist dies Gretchen nur ein Traum, ein luftiges Gebilde männlich erotischer Phantasie? Denn es gibt kein Mittelalter, keine Stube, keinen Schrein, kein Kästchen, keinen Garten. Dafür einen mächtigen Würfel mitten im nächtigen Dunkel der sonst leeren Bühne, als Burg und Versteck, als Ausguck und Ruheplatz. Alle Gretchen-Szenen entstehen auf und um den sich drehenden Würfel allein aus der Phantasie. Das Kästchen mit dem Teufelsschmuck wird ersetzt durch einen goldfarbenen Schal. Am Ende, als der Traum aus und die Walpurgisnacht vorbei ist, beherrscht wieder das Rad des Studierzimmers den Raum, nun, zum Skelett geworden, als Rad des Gerichts. Gretchen ganz oben, wie festgebunden, allein im Licht, stark und ungebrochen. Faust schleicht sich hinweg. Er wird wieder arbeiten müssen.

Würfel und Rad bestimmen die Weimarer Aufführung aber nicht, um auf den Hintersinn geometrischer Fügungen aufmerksam zu machen. Julia von Sell und Karsten Wiegand (Regie), Bärbl Hohmann und Barbara Kaesbohrer (Bühne) wollen den Goethe-Evergreen, gerade in Weimar, jung und unterhaltsam machen, mit einer gehörigen Portion Frechheit. Musik von Bach bis Biermann (Leitung Andreas Korn und Jens Petereit) gliedert und piesackt Goethes Text, der munter zerschnippelt und unbarmherzig zurecht gemacht ist, sich Ergänzungen und Umstellungen gefallen lassen muss.

Es könnte ärgerlich sein, und hat doch seine eine eigene Art, dem Klassiker heute zu begegnen, ohne knickenden Respekt, und doch mit Achtung. Das liegt, vor allem, an Thomas Thieme, der den Faust spielt. Ein Gelehrter mit kraftstrotzender Sinnlichkeit. Und ein Liebhaber, der ganz zärtlich sein kann. Wie sich Thiemes Faust in der Hexenküche, von der schweren Joppe, von Schlips und Brille befreit, zurechtrappelt, wie ihm Lebensfreude in Glieder, Gelenke und Muskeln fährt, ist hinreißend. Und immer hat der Schauspieler diese schwebende, abenteuerliche Balance zwischen körperlich-geistiger Schwere und neugieriger, leise ironischer Leichtigkeit. Ein Mann in der ganzen Fülle seiner Leidenschaften steht auf der Bühne, dröhnend und laut, und doch immer auch ein Nachdenklicher, Wägender, der sich in ganz leises, tiefdunkles Staunen verlieren kann.

Marek Harloffs Mephisto ist der Kleine, Schmächtige, der sich am Gewicht des frustrierten Gelehrten ausprobiert. Mit fast gelangweilten Interesse stochert er im Generationen-Gegensatz herum - ein Gleichgewicht zwischen ihm und Faust gibt es nicht, eher das Amüsement des Jungen mit der hohen, ein wenig heiseren Stimme über das seltsame Gebaren des so viel Älteren. Claudia Meyer gibt dem Gretchen Natürlichkeit und Festigkeit. Gerade der Verzicht auf Naiv-Liebliches und Harsch-Emanzipatorisches überzeugt. Wie dieses Gretchen den ersten Kuss erfährt, wie es sich dann bäumt gegen das Schicksal, bleibt einfach, überzeugend, anmutig.

Weimar hat eine Faust-Aufführung, die manchen Goethe-Verehrer zur Pause aus dem Theater trieb, schließlich aber langanhaltenden, jubelnden Beifall erfuhr. Lassen wir die Frage stehen, ob man die alte Geschichte so zausen muss, so zausen darf, dass sie leicht und unterhaltsam wird, für die nicht so auf Anstrengung erpichten Nachfahren des Dichterfürsten im medialen Zeitalter. Für die Fleißigen, die Geduldigen, die Puristen gibt es ja noch immer Peter Steins Gesamt-Faust.

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