Kultur : Federleicht

Gedichte des Bulgaren Georgi Gospodinov

Nico Bleutge

Wenn Georgi Gospodinov zu schreiben beginnt, taucht er tief ein in die Vergangenheit. In seinen locker gefügten Versen versetzt er Erinnerungen an die Kindheit ebenso in ironische Schwingung wie Bilder vom Tod oder Liebesszenen. Doch er horcht auch der Geschichte und den politischen Echos seines Geburtslandes Bulgarien nach. Das Politische senkt Gospodinov in die Wendungen seiner Verse ein. So ist es für den Leser stets spürbar, nicht als platte Botschaft, vielmehr als Fluchtpunkt oder als innere Spannung der Gedichte.

Aber was wären Gospodinovs Verse ohne die Liebe? „Ich beginne mit den blonden Frauen / in ihnen ist Leichtigkeit / in ihnen ist Feierlichkeit / als hätten sie Pasternak gelesen / oder auch Burns“. Bisweilen mag sich der Dichter zu sehr in der Rolle des Barden gefallen. Meist aber zaubert Gospodinov aus der Liebe genau jene „Leichtigkeit“ hervor, die es ihm erlaubt, zwischen den Erscheinungen hin und her zu springen und sie in den melancholischen Grundton seiner Verse einzupassen. Manchmal holt er am Beispiel einer einfachen Fliege auch die ganze Evolution ein, samt Darwinbüste und „Mendeleevschem Periodensystem“. Diese Begeisterung für das Kleine, scheinbar Nebensächliche, durchzieht die Texte. Einmal macht Gospodinov den Vorschlag, das Leben fortan nicht mehr in Jahren, sondern in Tagen, vielleicht sogar Stunden zu messen, weil man so mehr Erinnerungen an die Dinge ansammeln würde. Aber das scheint gar nicht nötig zu sein, verwandelt Gospodinov doch schon das Gedicht in eine Gedächtniskapsel für das Einzelne.

Nicht nur in diese kurzen Stücken schleichen sich immer wieder Gedanken an den Tod. Er ist der große Gegenspieler der Liebe, aber Gospodinov weiß ihn zu bändigen. Es ist eine fast schon wienerisch zu nennende Feier des Moribunden, die er zuweilen pflegt. Nicht von ungefähr widmet er ein ganzes Gedicht den Krähen von Wien, doch sind es bei ihm nicht einfach nur Todesvögel: „Krähen mit Fräcken / und mit Fagotten / Requiemskrähen / ausgelassene Noten / atonal manchmal / Schönberg bestohlen“. Es ist eine eigene Kunst, wie Gospodinov die Verse metaphorisch auflädt oder in kleinen Pointen staut. Am schönsten sind die Szenen indes, wenn es ihm gelingt, die Beschreibung langsam in ein Bild abgleiten zu lassen: „Ein älterer Herr / mit wattiertem Jäckchen und Gürtel / geht zu Mittag / vorbei am Zaun vorbei am Zaun / des Dorffriedhofs / immer langsamer und langsamer / immer tiefer hinab“.

Immer tiefer hinab, immer weiter hinein in die Bedeutungsschichten der Sprache führen diese wunderlichen Gedichte. Leider ist die Ausgabe einsprachig gehalten, sodass man als Leser nicht einmal eine Klangspur des Originals erhaschen kann. Doch die Übersetzer, gleich drei an der Zahl, haben Gospodinovs Sprache in ein geschmeidiges Deutsch verwandelt. Seine wunderbaren „Elf Definitionen“ etwa, die jenes kleine „es“ umkreisen, das für manche die Kraft ist, mit der das Blatt vom Baum fällt, für andere etwas schlichtweg Göttliches: „es / ist schwindend und brüchig / benennst du es stirbt es / fängst du es geht es fort / und zerschmilzt in Leer-/ es“. Nico Bleutge

Georgi Gospodinov: Kleines morgendliches Verbrechen. A. d. Bulgarischen von Valeria Jäger, Uwe Kolbe und Alexander Sitzmann. Droschl, Graz 2010. 120 S., 18 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben