Kultur : Feiern, bis der Arzt kommt

Ein Wahnsinn wird Methode: „Hangover 2“ – die gelungene Fortsetzung des ultimativen Jungsfilms

von
Abhängen in Bangkok. Stu (Ed Helms), Phil (Bradley Cooper) und Alan (Zach Galifianakis) sammeln neue Kräfte. Foto: Warner
Abhängen in Bangkok. Stu (Ed Helms), Phil (Bradley Cooper) und Alan (Zach Galifianakis) sammeln neue Kräfte. Foto: WarnerFoto: dapd

In den Forensik-Serien, die seit „CSI“ im Fernsehen Hochkonjunktur haben, geht es stets darum, aus am Tatort vorgefundenen Indizien den Ablauf eines Geschehens abzuleiten. Der Film „Hangover“ überraschte 2009 das Publikum damit, dieses rekonstruktive Prinzip auf eine Komödie anzuwenden: Nach einer Junggesellenparty können sich die drei Protagonisten an nichts erinnern, doch anhand von Veränderungen der Gruppenzusammensetzung – hinzugekommen sind ein Baby und ein Tiger, es fehlen ein Bräutigam und ein Zahn – rollen sie die Nacht von hinten auf, schließen ihre Gedächtnislücken und finden am Ende den verlorenen Freund.

Der Film war ein überwältigender Kassenschlager und doch eine harte Nuss für seine Produzenten, denn die Faktoren, die den Erfolg von „Hangover“ ausmachten, die aberwitzigen Wendungen und die unkonventionelle Dramaturgie, machen eine Fortsetzung der Geschichte fast unmöglich. Mit gutem Willen sind die Ereignisse als verhängnisvolle Verkettung von Umständen zu akzeptieren, doch dass denselben Personen erneut Ähnliches widerfahren sollte, ja dass die Personen nach den Ereignissen des ersten Teils überhaupt noch einmal in dieser Konstellation gemeinsam feiern gehen sollten, scheint arg abwegig.

Andererseits: Wenn ein Film es unter die Top 100 der erfolgreichsten Filme aller Zeiten schafft, wäre es geradezu fahrlässig, ihn nicht fortzusetzen. Zumal er, von Mike Tyson abgesehen, ohne Stars und einem für US-Verhältnisse schlichten Budget von 35 Millionen Dollar auskam. Wenn nun in „Hangover 2“ – der Film hat soeben an seinem Startwochenende weit über 100 Millionen Dollar eingespielt – Phil (Bradley Cooper) seiner Frau am Telefon mitteilt, es sei „schon wieder passiert“, dann schwingt darin das schlechte Gewissen der Drehbuchautoren mit, mit dieser hanebüchenen Fortsetzung den Plausibilitätsprüfungsbedarf des Publikums arg robust zu strapazieren. Vielleicht auch das schlechte Gewissen darüber, wie risikolos sie sich an die Erfolgsformel des Vorgängerfilms halten. Denn sie verlegen sich bloß auf einen anderen Schauplatz – und versuchen im Übrigen, möglichst viele Elemente aus dem ersten Teil herüberzuretten.

Das wichtigste Element des Vorgängerfilms bleibt dabei zwangsläufig auf der Strecke: das durchaus seltene Gefühl, es könne einfach alles passieren. Was dort Wahnsinn war, wird in der Fortsetzung zur Methode. Der Angst, einen Bestandteil der Formel auszulassen, wird der inhaltliche Spielraum weitgehend geopfert. Wobei die Veränderungen gegenüber dem Original sich meist in der bloßen Steigerung des Bekannten erschöpfen. Und da schon „Hangover“ kein Kind von Traurigkeit war, schießt Teil zwei mehrfach übers Ziel hinaus – noch drastischer, obszöner, brutaler. Wer sich schon an einem Zigarette rauchenden Äffchen stört, bleibe dem Film lieber fern.

Eine Überraschung aber bietet „Hangover 2“ doch: Er funktioniert. Ist die Ausgangssituation erst einmal erfolgreich an den Haaren herbeigezogen, entfesseln die Darsteller ihre vertraut entwaffnende Spielfreude. Auch die Entscheidung, das Geschehen von Las Vegas nach Bangkok zu transponieren, geht voll auf. Beide Städte rufen Vorstellungen auf, die mit Sex, Drogen und einer fundamentalen Fremdheit zu tun haben. Die Regeln der Plausibilität sind außer Kraft gesetzt. Alles ist möglich. Und Neues gibt es sogar auch hier. Den liebevollen, leitmotivischen Einsatz von Billy-Joel-Songs etwa. Oder die Besetzung von Paul Giamatti, der hierzulande durch den wunderschönen, so ganz anderen Junggesellenabschiedsfilm „Sideways" bekannt geworden ist.

Den Höhepunkt von „Hangover 2“ bildet jedoch eine durch Meditation hervorgerufene Flashback-Sequenz, in der die Protagonisten von Jungs verkörpert werden, die kaum ihre Pubertät erreicht haben. Das psychologische Profil, das vielen neueren Männerkomödien zugrunde liegt, wird damit schön spielerisch veranschaulicht: Boys will be boys.

Ab Donnerstag in 20 Kinos; OmU im Rollberg, OV im Cinestar Sony Center

0 Kommentare

Neuester Kommentar