Kultur : Felder, Stille, Licht

Zum Tod des Dichters Gennadij Ajgi

Gregor Dotzauer

Er wollte in seinen Gedichten „möglichst wenig sagen, um zu erreichen, dass nichtmenschliche Stille und Licht immer ,unabwendbarer‘ um sich greifen.“ Gennadi Ajgi verstand sich als Hüter einer Kraft, die bei ihm viele Namen trägt – auch denjenigen Gottes. „Diese Welt“, erklärte Gennadij Ajgi, „rührt uns bisweilen an durch das bloße Stückwerk des ,Wunders‘, so als legte einem jemand die Hand auf die Schulter“. Wenn er davon träumte, diese Berührung könne auch seinen Versen gelingen, so wusste er doch zugleich: „Diese Schlichtheit ist etwas vom Allerunerklärlichsten unter allem, was wir für existent halten.“

Die Landschaften, die man bei ihm betritt – Lichtungen, Felder, Gärten, bedeckt mit Schnee oder bestanden mit Bäumen – sind weniger Naturräume als Sprachlandschaften: aufs äußerste reduzierte Buchstaben-Partituren an der Grenze zum Schweigen, zusammengedrängt auf wenige Zeilen wie ein Haiku, durchschossen von zahllosen Gedankenstrichen und umgeben von Weiß. Ajgi entwirft, wie er selbst sagte, „Wort-Tempel“, die auf eine wesenhafte Welt hinter den Erscheinungen verweisen. Dabei entdeckte er auch eine Verwandtschaft zur Malerei des Suprematisten Kasimir Malewitsch.

Wer seine auratischen Lesungen besuchte, konnte ihn für einen Schamanen halten und seinen klagenden Ton für liturgisch (zu hören unter www.lyrikline.org). Ajgi aber, der zum Turkvolk der Tschuwaschen gehörte und auf Russisch schrieb, war weder ein esoterischer Wirrkopf, noch hatte er einen Glauben zu verkaufen. Er war ein Mann von tiefstem metaphysischen Ernst, der um seine Person kein Aufhebens machte und sich sowohl seiner Herkunft wie der christlichen Existenzphilosophie von Blaise Pascal, Sören Kierkegaard und Gabriel Marcel verpflichtet fühlte.

Gennadij Ajgi kam am 21. August 1934 in Schajmurshino, einem Dorf in den tschuwaschischen Wäldern, rund 500 Kilometer östlich von Moskau, zur Welt, wo er nun auch begraben werden will. Sein Großvater mütterlicherseits war der letzte heidnische Priester des Dorfs, und sowohl seine Mutter wie deren Schwester lasen ihm als Kind Gebete und Beschwörungen vor. Der 1942 gefallene Vater hingegen brachte ihn mit der Poesie in Kontakt, ohne dass Ajgi als Kind in seiner bucharmen Umgebung viel hätte lesen können. Er war glücklich, wenn er eine Anweisung zur Bekämpfung der Speichermilbe in die Hände bekam. Bis er im Herbst 1953 zum Studium ans Moskauer Literaturinstitut kam, kannte er von den russischen Dichtern seines Jahrhunderts nur Wladimir Majakowski. Von da an erschloss er sich die Dichtung der Welt, übersetzte aus dem Französischen und schloss 1956 Freundschaft mit Boris Pasternak.

Im deutschsprachigen Raum ist Ajgi, der jahrelang als Nobelpreis-Kandidat gehandelt wurde, mit Übersetzungen – vor allem von Karl Dedecius und Felix Philipp Ingold – gut vertreten. Und in Berlin hat er seit seinem DAAD-Jahr 1992/93 fast eine zweite Heimat und viele Freunde gefunden. „die sekunden zogen weiße handschuhe an und rückten vor“, heißt eines seiner Kürzestgedichte. Und ein anderes: „was für eine Gewalt man sein muss / um so Sprachlos zu sein wie vor einem sturm / in einem so nichtigen wesen wie ich“. Um beides kann er sich nun nicht mehr sorgen. Nach drei Monaten in einem Moskauer Krankenhaus ist er mit 71 Jahren gestorben.

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