Kultur : Fellini lässt grüßen

Marienwunder inklusive: die köstliche ägyptische Doku-Komödie „Die Jungfrau, die Kopten und ich“.

von

Für die Mutter ist die Sache mit der Marienerscheinung ganz einfach: Du siehst, was du glaubst – und Amen. Der Sohn hingegen glaubt nur, was er sieht; die Lichternebel auf den Aufnahmen vom legendären 1968er-Marienwunder in Ägypten überzeugen ihn keineswegs. Also reist der in Frankreich aufgewachsene Regisseur in seine Heimat, um einen Film zu drehen. Nicht über den Arabischen Frühling, der gerade ausbricht, sondern über die Marienwunder von früher, über die koptische Minderheit, zu der seine Familie gehört, über das Dorf seiner Mutter. Und alle mischen sich ein.

Dass Filmemachen Teamwork bedeutet, ist eine Binsenweisheit. „Die Jungfrau, die Kopten und ich“ zeigt sehr vergnüglich, welch groteske Konsequenzen das für den Regisseur haben kann. Es beginnt damit, dass die Mutter den mit Arbeitsmaterial vollgestopften Koffer umpackt, denn ohne Gastgeschenke braucht Namir Abdel Messeeh sich im Dorf gar nicht blicken zu lassen. Der Vater prophezeit, dass das Projekt nur scheitern kann, der Produzent verlangt wegen der westlichen Geldgeber einen Bezug zur Arabellion, in Kairo wird Namir vom Taxifahrer bis zum koptischen Patriarchen mit Weisheiten über die Muttergottes behelligt, und Mama interveniert per Skype. Dass Namir die Familie filmt, verbietet sie strikt, wegen der beschämenden Armut. Zum Glück hält sich der Sohn nicht daran.

Weil Augenzeugen und Bilddokumente nichts taugen, beschließt er, die Marienerscheinung nachzustellen, mithilfe der Dorfbewohner. Auch ein Fake kann Eindruck schinden – Fellini hat das in „La dolce vita“ einst meisterlich ad absurdum geführt, in einer von Massenhysterie begleiteten Fake-Marienwunderszene. Bei Messeeh geschieht zunächst ein anderes Wunder: Als die Finanzierung platzt, reist Mama persönlich an und übernimmt die Produktionsleitung. Resolut zuckelt sie mit Megafon und Eselskarren durch die Gassen, um die Laiendarsteller zur Pünktlichkeit zu mahnen und löst auch das knifflige Problem des von Kopten wie Moslems heiß diskutierten Castings für die Rolle der Jungfrau Maria.

Messeehs Doku-Komödie in eigener Sache ist in mehrfacher Hinsicht umwerfend. Da wird die westliche Erwartungshaltung gegenüber aktuellen Filmen aus Ägypten (samt Genre-Versuchen wie dem Polit-Melodram „Nach der Revolution“) aufs Köstlichste konterkariert. Umso deutlicher tritt die politische Dimension zutage: die Unterdrückung der koptischen Minderheit, die religiösen und sozialen Spannungen, der Schock der Moderne, die Kluft zwischen Großstädtern und Landbevölkerung. Obendrein setzt Messeeh seine eigene Migrantenidentität mit dem Clash der Generationen in Szene. Seine Mutter, Maria, die Heimat Ägypten: lauter Über-Ichs, vor denen er augenzwinkernd kapituliert – um auf der Realisierung seines Films zu beharren. Und: Auch das Kino erzählt von sich selbst, vom Spiel aus Licht und Schatten, an das man nur glauben muss, damit es seinen Zauber entfaltet.

Am Ende schwebt die Muttergottes an dicken Stricken in der Luft, die Scheinwerfer werden per Stromklau versorgt, und das ganze Dorf versammelt sich zur Open-Air-Premiere „seines“ Films. Die Cousins, die Kinder, die Bauern, die Alten lachen, staunen, erstarren vor Ehrfurcht, auf der Leinwand wie als Zuschauer ihrer selbst. Wahrlich, ein Wunder. Christiane Peitz

OmU: Babylon Mitte und Moviemento

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar