Kultur : Feminismus: Und ewig lockt das Weib

Moritz Schuller

René Freiherr von Godin sitzt auf dem Sofa und erzählt von seinen elf Kindern. Er erzählt von seiner feministischen Partei, die bei der nächsten Bundestagswahl antreten soll, schwärmt von dem exzellenten Bordeaux, den er gerade vorrätig hat und beschimpft die verbrecherische katholische Kirche, deren Repräsentanten er am liebsten des Landes verweisen würde. Und irgendwann sagt er, warum er in einem Rock auf dem Sofa sitzt, am Morgen Lippenstift aufgetragen hat und warum er eine Perlenkette über dem grünen Pullover trägt: "Ich bin seelisch immer ein Weib gewesen."

Vor einigen Jahren führte René von Godin einen eleganten Weinladen in der Nähe der Schaubühne. Aus Frankreich, wo er lange gelebt und studiert hat, importierte er Weine. Dem polnischen Professor, der seinerzeit dort einkaufte, ist der großgewachsene Adlige als charmanter Familienvater in Erinnerung, als höflich und ausgesprochen gebildet. Es war eine der vielen Rollen, die von Godin sein Leben lang gespielt hat. Andere hießen: Gebirgsjäger, Theologe, Rechtsanwalt, Spediteur. Ein Intellektueller, der ein Buch über historische Architekturelemente veröffentlicht hat. Nur eine Rolle wollte er nie spielen: die einer Tunte. "Ich hatte keinerlei Sinn für solche Dinge und diese Kreise."

Das Sofa steht in einem kleinen Geschäft in der Marienstraße in Mitte und neben René von Godin stapeln sich antike Teddy-Bären. Das Geschäft ist das Parteibüro der Civilisation Féminine und zugleich Weinhandlung, Antiquitätenladen, Modeboutique. Vor einigen Wochen wurden dort die Entwürfe der Venezianischen Designerin Fiora Gandolfi gezeigt. Der Laden ist eine Genossenschaft, eine Anlaufstelle für Frauen, die wirtschaftlich wieder auf die Beine kommen wollen. "Wie überlebt eine Frau, wenn die Kinder aus dem Haus sind? Unsere Idee mit dem Laden ist es, die Damen, die hier arbeiten, in die Geschäftswelt einzuführen." Und dann fügt er hinzu: "Wir sind ja alle irgendwie in dieser Situation."

Wir, das sind seine Geschäftspartnerinnen in der Marienstraße und die 40 Mitglieder der Civilisation Féminine, deren Generalsekretärin von Godin ist. Matronin der Partei ist die französische Dichterin Olympe de Gouge, deren Leben 1793 die Guillotine beendete. Sie hatte sich ein wenig zu sehr für die Rechte der Frauen und gegen den Papst eingesetzt. Statt mehr Gleichberechtigung vom Staat zu fordern wie die Frauenbewegung, will die Partei die Rechts- und Gesellschaftsordnung "von ihrer männlichen auf eine weibliche Grundlage" stellen.

Eine Umstellung, die René von Godin vor etwas über einem Jahr am eigenen Leib vollzog, bei einem Zusammenbruch Nietzscheanischen Ausmaßes. Wie der Philosoph, der einst einem Turiner Kutschpferd weinend um den Hals fiel, erfährt Godin den Höhepunkt seiner Krise in aller Öffentlichkeit. Auf einem Markt in Spanien streift sein Blick das Gesicht einer Frau. "Ich sah wieder hin und erkannte, dass ihr Gesicht die Spuren einer grauenvollen Tracht Prügel trug. Ein Stich traf mein Herz. Mir wurde schwindelig." Wie bei Nietzsche ist für Godin danach nichts mehr wie vorher: Er legt die "Kleidung der Schläger" ab, stellt einen Antrag auf Änderung seines Vornamens und begibt sich in gynäkologische Behandlung. Dort, vor dem Geflügelstand in Spanien, wird ihm seine eigene, lebenslange Feigheit bewusst. Ich hatte, sagt er sich, meine Geschlechtsgenossinnen jahrelang im Stich gelassen.

Die vergessene Handtasche

Die Partei, die Genossenschaft, das Lesen feministischer Literatur - alles auch ein Versuch, lang Versäumtes endlich nachzuholen. Ausdruck eines schlechten Gewissens. Kürzlich suchte er eine Volkswagen-Niederlassung auf, weil er sich für den neuen Audi A2 interessierte. Wo, fragte er, soll ich meine Handtasche hinstellen? "Wenn ich ein Auto für 40 000 Mark kaufe, dann habe ich auch eine Handtasche für 400 Mark." Der Verkäufer konnte das Problem nicht lösen. "Es denkt halt niemand an die Frau", sagt von Godin. Er selbst schon. Ununterbrochen.

Von Godin beflügelt die Energie und die Radikalität eines Konvertiten. "Wenn man es nicht einmal versucht, dann hat man keine Chance", rechtfertigt er sich und bleibt doch ein schärfster Kritiker dessen, was er noch immer ist: ein Mann. "Das männliche System funktioniert nur, weil die Frau das private Arbeitstier der Männer ist." Was also tun mit dem Mann? Der Mann, sagt von Godin mit einem jakobinischen Lachen, ist ein wirkliches Problem. Ein Problem, das ihn bis in die Familie verfolgt. Seinen Töchtern fühle er sich intuitiv verbunden, durch einen "weiblicher Verbund", seinen Söhnen nicht. Eine seiner Töchter will sogar in einem Wahlkreis als Kandidatin für die Civilisation Féminine antreten. "Ich habe meine Söhne relativ früh auf eigene Beine gestellt. Weil es schwer ist, mit Männern zusammenzuleben." Und als ob seine Söhne für diese Ablehnung selbst verantwortlich wären, schickt er hinterher: "Die Männer müssen eben auch ihre Rolle neu überdenken, aber ich kann ja nicht für die Männer denken."

Plötzlich schiebt ein junges Paar einen Kinderwagen durch die Ladentür. "Ich komme wegen meines Autos, das Sie im Herbst angefahren haben. Jetzt habe ich endlich einen Kostenvoranschlag." - "Ja, sehr gut", sagt von Godin und winkt lässig mit seinen schweren Händen, "wenn Sie ihn einfach dalassen. Ich kümmere mich drum." Und kaum sind die beiden wieder draußen: "Ich freue mich, wenn ich das sehe. Ich hoffe jedesmal, dass diese Ehen halten."

Kinder sind ihm ein Anliegen. Denn in seiner spanischen Krise hatte sich nicht nur eine Transsexualität manifestiert, die er schon als Junge gespürt haben will, sondern auch die moralische Empörung über die deutsche Familienpolitik. "Unsere Gesellschaft baut ihren Wohlstand auf dem Verbrauch der Bevölkerung auf." Als ihm das bewusst wird, sagt sich René von Godin innerlich von dem System los, das auf Kinder verzichten zu können glaubt. Die bisherigen Regierungen, heißt es im Parteiprogramm der Civilisation Féminine, haben Deutschland "so hoch verschuldet, dass diese Schuld von keiner künftigen Generation mehr abgetragen werden kann". Während er persönlich der Männerrolle den Rücken kehrt, fordert er politisch, das Bruttosozialprodukt zuerst für den Unterhalt von Müttern zu verwenden, die Kinder großziehen.

"Peng - so ist es eben", sagt von Godin über den Schritt, der ihn zur Mutter macht. Ein einfacher Schritt für ihn? "Meine Frau ist nicht begeistert." Aber sie mache mit, sagt er und glaubt, dass die große Familie nur Bestand gehabt habe, "weil wir zwei Weiber sind". Auch die Kinder haben sich daran gewöhnt, die anfangs noch besorgt waren, wegen der Klassenkameraden.

"Ich will ein starkes Weib sein", so der Freiherr. Ein wenig altmodisch klingt das, fast konservativ. Doch schon bald wird René von Godin seine neue Rolle beginnen können: Die Geschlechtsumwandlung läuft.

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