Feminismus : Warum wir mehr Superheldinnen brauchen

Am Feminismus haben die Rote Zora und die Bezaubernde Jeannie einen beträchtlichen Anteil. Deshalb kann es im Film heute nicht genug Wunderfrauen und Atomblondinen geben. Ein Kommentar.

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Die Filmwelt braucht mehr Heldinnen wie die Spionin Lorraine Broughton (Charlize Theron) in dem Film "Atomic Blonde". Foto: dpa
Die Filmwelt braucht mehr Heldinnen wie die Spionin Lorraine Broughton (Charlize Theron) in dem Film "Atomic Blonde".Foto: dpa

Die Welt ist ein Club alter weißer Männer. Gut, da sind auch Merkel, May und Lagarde, reichlich Ministerpräsidentinnen und Teilzeitväter, auch mal ein W-20-Gipfel mit Merkel und Co. und Ivanka Trump als Sidekick. Es tut sich was. In dieser Redaktion zum Beispiel findet sich in der Chefetage zwar nur eine Frau, aber bei den Ressortleitungen ist die Quote längst übererfüllt. Frauen in Führungspositionen, wer ist nicht dafür.

Fragt sich nur, warum es in den Gefilden der Macht nach wie vor so wenige gibt. Selbst im nächsten Bundestag schwindet der Frauenanteil, allen Quotendebatten zum Trotz. Auch in der nicht gerade Testosteron-dominierten Welt der Kultur sieht es mau aus, wenn man nach Intendantinnen, Direktorinnen oder Studio-Bossinnen Ausschau hält. Womit wir im Reich der Träume wären. Wie das Leben verläuft, welche Ziele man sich setzt, welche Karriere frau plant – Idole spielen eine erhebliche Rolle dabei.

Mit anderen Worten, am Feminismus des 20. Jahrhunderts haben die Rote Zora, Pippi Langstrumpf und die Bezaubernde Jeannie einen beträchtlichen Anteil. Und das Mainstream-Kino des 21. Jahrhunderts entdeckt gerade die Schlagkraft der Superheldinnen. Die Amazonenkriegerin in „Wonder Woman“ hat Kasse gemacht, jetzt mischt auch noch Charlize Theron als Kampfmaschinen-Vamp in „Atomic Blonde“ das Kalte-Kriegs-Berlin auf. Jagende, schießende, prügelnde Frauen, die mit Pfeil und Bogen, Fäusten und Schießeisen Dutzende Gegner plattmachen und Stilettos als Waffe einsetzen – in Hollywood hat sich herumgesprochen, dass Täterinnen kein Kassengift sind. Der nächste Bond wird zwar wieder Daniel Craig sein, dennoch gerät der erste weibliche 007 allmählich in Sicht.

Wer die Fantasie animiert, verändert die Wirklichkeit

Klar sind diese gestählten, Blessuren nicht scheuenden Wunderweiber auch sexy. Als perfekt gestylte Stars mit langen Beinen, die viel Haut zeigen, bedienen sie weiterhin Männerfantasien. Aber was soll’s, gönnen wir ihnen den Spaß, denn der Mehrwert bei der Kombination von Erotik und Power ist beträchtlich. Er verändert womöglich auch den männlichen Blick. Die „Wonder Woman“-Darstellerin Gal Gadot spricht jedenfalls offen von Erlebnissen sexistischer Art und haut auf den Tisch: „Alle, die keine Feministen sind, sind Sexisten.“ Zack, das sitzt. Zumal in diesen Tagen, in denen der Feminismus mal wieder unter Blaustrumpf-Spielverderber-Verdacht steht. Ach nein, die schon wieder, jetzt ist es mal gut.

Schluss mit dem Gang durch die Institutionen, Schluss mit runden Tischen, Appellen und Protesten – die Superheldinnen plädieren für Action. Wir nehmen uns die Freiheit, die man uns nicht zugesteht, wir sind jetzt einfach mal beides, ungeheuer weiblich und ungeheuer stark. Im Hollywoodkino als wirkmächtigster Traumfabrik der westlichen Hemisphäre ist diese Geste zwar ebenfalls nicht neu. Man denke nur an die supercoolen Diven der Screwball-Comedy-Diese Ära, an Angelina Jolie als Lara Croft oder an die Bad Girls der Neunziger, allen voran die Rächerinnen „Thelma & Louise“. Aber sie bilden die Ausnahme, bis heute. Ob sich das ändert, werden die „Wonder Woman“-Sequels zeigen.

„If she can see it, she can be it“, sagt die Schauspielerin Geena Davis, die einst die Thelma spielte. Wenn sie es nur sieht, kann sie es auch werden: Als Davis Mutter wurde, fiel ihr auf, wie wenig Heldinnen das US-Kino ihrer Tochter zu bieten hat. Ihr 2004 gegründetes Institut hat Statistiktools entwickelt, um das Popcornkino auf die Geschlechterfrage hin abzuklopfen. Mit bestürzenden Ergebnissen. Noch immer tauchen in den amerikanischen Top-Filmen Männer drei Mal so häufig auf wie Frauen und haben drei Mal so viel zu sagen.

Angebot regelt Nachfrage, mehr Repräsentation sorgt für mehr Präsenz? So kompliziert der Zusammenhang psychologisch auch sein mag: Wer die Fantasie animiert, verändert die Wirklichkeit. Es kann gar nicht genug Wunderfrauen und Atomblondinen geben.

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