Kultur : Fertigbaumeister Solness

Der Traum vom Alter: Thomas Ostermeier konstruiert in Wien einen neuen Ibsen mit Gert Voss

Rüdiger Schaper

Begeht der Stararchitekt Halvard Solness Selbstmord – oder ist es ein Unfall, als er beim Richtfest seines neuen Wohnhauses abstürzt?

Ibsen-Regisseur Thomas Ostermeier geht der Frage aus dem Weg. Er baut in seiner Wiener Inszenierung dem „Baumeister Solness“ einen neuen Schluss. Das hat er auch schon mit „Nora“ gemacht, zu Hause an der Berliner Schaubühne, mit großem Erfolg. Anne Tismer, die verpuppte Frau, schlüpft aus und erschießt ihren Mann. Steht so nicht bei Ibsen – aber funktioniert.

Und Gert Voss sitzt im Akademietheater zusammengesunken im Sessel, mit blutender Nase aus einem schweren Schlaf erwachend. Solness hat alles geträumt; die fatale Klettertour auf dem Baugerüst, die rauschhafte Begegnung mit Hilde, der jungen Frau, mit der ein neues Leben möglich wäre. Zurück bleibt ein alter, gebrochener Mann in der Hölle einer ausweglosen Ehe. Stellt Ibsen vom Kopf auf die Füße – aber funktioniert.

Hat man nicht schon beim ersten aasigkalten, fast wortlosen Auftritt von Kirsten Dene, der schwarz gekleideten, matronigen, schneidend komischen Aline Solness, an Strindbergs „Totentanz“ gedacht? Thomas Ostermeier und sein Dramaturg Wolfgang Wiens könnten außerdem „Das Richtfest“ im Kopf gehabt haben; in Strindbergs Erzählung hält ein Sterbender im Bett Rückschau auf sein gescheitertes (Ehe-)Leben. Was immer das heißt: Gibt es im Theater, in der Literatur glückliche Ehen?

Ostermeier entwickelt sich zum Ibsen-Spezialisten. Dabei erleichtert er den alten Norweger um ein paar schwere symbolische Pfunde, er lässt ihn, den sonst oft so Zähen, Schicksalsdräuenden, schnell spielen, in Richtung Boulevard. (Auch das funktioniert.) Er baut ihn zurück: In der Sprache der Architekten würde man sagen, Ostermeier betreibt die kritische Rekonstruktion des Klassikers, so wie man es in Berlin von den Baumeistern Kollhoff und Kleihues kennt.

Vor allem aber: Ostermeier entwickelt sich. Dieser Wiener „Solness“ wirkt handwerklich blitzsauber, locker aufgeführt, recht schnörkellos gebaut, er ruht auf drei Säulen – dem souveränen Gert Voss, der in ihrem Minimalismus großartigen Kirsten Dene und der ziemlich hinreißenden Einbrecherin Dorothee Hartinger. Schon in der ersten Szene schwebt ihre wilde Hilde durch die Lüfte, ein lustiger Todesengel, ein Peter Pan, ein Puck, der sich aus dem Shakespeare’schen „Sommernachtstraum“ in ein modernes Architektenbüro verirrt hat. Es soll wohl so sein: Solness träumt hier seinen Tod herbei und auch das junge Lebensglück, das Unerreichbare. Die „Luftschlösser“, von denen Hilde und Halvard reden.

Der hohe, zu hohe Preis des Erfolgs. Ein großes Thema bei Ibsen. Solness hat seine steile Karriere auf ein Unglück gebaut – den Brand des alten Hauses seiner Frau. Aline hat den Verlust ihres Familienbesitzes nie verwunden. Der Tod ihrer beiden Söhne – sie starben wenige Wochen nach der Geburt – war mit der Feuersbrunst mysteriös verbunden. Das sieht man im Akademietheater sofort: jenes vordergründig Neue, das Solness sich mit durchaus krimineller Energie geschaffen hat. Ein Designerteil aus Glas und Chrom (Nora wohnt nebenan!?), so kostspielig wie funktional. An den Arbeitsplätzen stehen Apple-Computer. Bühnenbildner Jan Pappelbaum hat Raumteiler hineingesetzt, keine Wände. Transparente Innenarchitektur, in der Lüge, Verzweiflung, Sadismus wohnen. Immer schneller dreht sich die Bühne, eine helle Hölle. Manchmal ragt Voss, der große Ibsen-Interpret (an gleicher Stelle sah man Zadeks „Rosmersholm“, mit Angela Winkler, vor ein paar Jahren, die wie eine Ewigkeit anmuten!), wie ein alter Titan aus dem Ostermeier-Pappelbaum-Konstrukt heraus. Das ist das zweite, noch größere Ibsen-Thema im „Solness“: die Angst vor der Jugend. Und die Sehnsucht nach ihr.

Voss und Ostermeier: Sie könnten Vater und Sohn sein. Doch wie es ausschaut, haben sie sich nicht bekämpft, sondern professionell miteinander arrangiert. Was auch daran liegt, dass Ostermeier, und darin gleicht er Solness, gewisse Schwierigkeiten einfach übergeht und selbst ein paar kleine dramaturgische Leichen im Keller hat. Zum Beispiel: Was ist zwischen Solness und seiner jungen Angestellten Kaja (Sabine Haupt), die ihn abgöttisch liebt? Sie bleibt Episode, ebenso wie ihr Verlobter, der junge Bauzeichner Ragnar (Markus Gertgen). Ostermeier interessiert sich nicht dafür, ob er begabt ist, ob er was drauf hätte, wenn Solness ihn nur ließe. Der Altersgenosse bleibt blass und flach, nur ein weiteres Solness-Opfer. Ragnars Vater, der alte, todkranke Knut Borvik, behauptet sich ein wenig besser: Einmal, da nimmt Branko Samarovski Gert Voss ins Gebet, bittet ihn auf erschütternd hilflose Weise um ein menschliches Wort. Aber Voss winkt ab, genervt, und die Szene ist auch schon wieder vorbei.

Weil es schnell gehen muss. Nur keine Schwerblütigkeit! Weg mit all dem Leid – sofern es nicht Solness ist, den es zerreißt. Einmal auch, die Szene ist ein wenig länger, offenbart sich Aline dem Baumeister. Kirsten Dene nimmt die schwarze Chinesenperücke ab. Lässt ihren brillanten Zynismus fahren. Bricht in Tränen aus. Aber das soll man hier nur im Vorübergehen erfahren. Der Baumeister, der Menschenleben entwirft und verwirft, bleibt schrecklich dominant. Doch: Auch Gert Voss wird von der Regie an der Oberfläche gehalten. Sie könnten alle mit Schlittschuhen herumlaufen. So eisig ist es hier. So glatt. Berühren verboten!

Hübsch, frech, wahnsinnig charmant, fordernd und jung sowieso: Nicht einmal Dorothee Hartingers Hilde im OutdoorOutfit (Kostüme: Anja Maier) bringt Solness wirklich um den Verstand. Sie fantasiert auf verlorenem Posten. Altert zusehends. Was haben der Baumeister und die Wunschfee miteinander?

Ostermeier umschifft auch diese Frage erfolgreich. Es ist ja alles nur ein Traum. Bei Ostermeier haben noch die Luftschlösser etwas Cleveres. Er zeigt, als Regisseur, jenes „robuste Gewissen“, von dem sie hier ständig reden; was man braucht, um Glück und Erfolg unter einen fest sitzenden Hut zu bringen. Man kann es auch Skrupellosigkeit nennen.

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