Festival "Foreign Affairs" : William Forsythe und seine Company triumphieren in Berlin

Die Forsythe Company wird in Berlin vom Publikum bejubelt, In „I don’t believe in outer space“ bewegen sich die Tänzer wie Elementarteilchen durch den Raum. Eine kosmische Erfahrung -. und der Choreograf blickt wehmütig auf die menschliche Komödie.

von
Eine Szene aus Forsythes Choerografie "i don't believe in outer space".
Anziehung und Abstoßung. William Forsythes Choreografie gehorcht den Gesetzen der Teilchenphysik- und den Regeln des Zufalls.Foto: Dominik Mentzos/Berliner Festspiele

Er ist einer der einflussreichsten Choreografen der Gegenwart – und der große Abwesende: William Forsythe, dem das Festival „Foreign Affairs“ einen eigenen Schwerpunkt widmet, ist leider nicht persönlich gekommen – dabei gerät die Berliner Premiere von „I don’t believe in outer space“ aus dem Jahr 2008 am Freitagabend zum regelrechten Triumph. Das Publikum feiert die Rückkehr der fabelhaften Company als ein unverhofftes Glück. Zuletzt trat die Frankfurter Truppe 2010 in Berlin auf, mit der choreografischen Installation „Human Writes“. Seitdem hatte man das Gefühl, das Spätwerk des Amerikaners seit der Gründung von The Forsythe Company 2005 in der Hauptstadt irgendwie zu verpassen.

Um Abwesenheit und Verschwinden geht es auch im jetzigen Gastspiel, das Text und Tanz auf gewitzte Weise verbindet. Kürzlich erzählte Forsythe, Jahrgang 1949, dass er sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzt – es klang kein bisschen dramatisch. „I don’t believe in outer space“ entstand, als Forsythe 60 wurde: Keine weise oder wütende Lebensbilanz, vielmehr schaut da ein Mann mit großen Abstand auf die menschliche Komödie. Sinnbild des kühlen Forscherblicks: ein Teleskop aus Pappe.

Die Bühne sieht aus, als wäre ein Meteorit eingeschlagen. Überall liegen graue Kugeln verstreut, Gesteinsbrocken ähnlich. Sie gehorchen ihren eigenen physikalischen Gesetzen, wenn sie angestoßen werden – so kommt das Unberechenbare ins Spiel. Nach welchen Regeln die 18 Tänzer sich zum wogenden Schwarm zusammenballen und wieder auseinander stieben, bleibt undurchschaubar. Umso bewundernswerter die Präzision, mit welcher die Tänzer durch das Chaos navigieren, mäandernde Bewegungsmuster aus Verdrehungen und Windungen, Ausscheren und Einknicken auf der Bühne ausbreiten. Bisweilen wird der Tanz ins Groteske verzerrt – auch die Körper der Performer verformen sich schon mal ins Lächerliche, mit ausgestopftem Busen oder ausladendem Po. Wenn sich zwei zum flüchtigen Duett vereinen, dann bleiben sie einander doch fremd. Und in den Solos bewegen die Tänzer sich vorsichtig tastend, als hätte es sie auf einen unbewohnten Planeten verschlagen.

William Forsythe ist ein Choreograf, der seine künstlerischen Strategien immer wieder auf den Prüfstand stellt. In den letzten Jahren hat er neue Kompositionsmethoden erprobt, um das Unvorhersehbare zuzulassen. Die Tänzerin Dana Caspersen (Forsythes Lebensgefährtin) spricht auf der Bühne, auch sie beruft sich in ihrem Monolog auf den Zufall. Wenn sie von Materie berichtet, die sich zusammenzieht und auseinanderfliegt, dann setzt sich das in der Bewegung fort – jeder Performer ein Elementarteilchen.

Dabei spielt Forsythe nicht nur mit physikalischen und kosmologischen Metaphern, sondern auch mit kulturellen Versatzstücken. Der Text, den Caspersen mal naiv, mal ironisch wiederholt, stammt aus dem Discoklassiker „I will survive“. Der Soundtrack von Thom Willems bedient sich wiederum bei Filmmusiken und lässt die Szene oft ins Bedrohliche kippen. Schließlich ertönt eine Stimme von Band, der die verschiedenen Tänzer ihre Körper leihen. Es gibt auch wunderbar komische Szenen, etwa wenn Yoko Ando als durchgeknallte Vorturnerin den Fitnesskult aufs Korn nimmt. Forsythe betrachtet die Gegenwart wie durch einen Zerrspiegel.

Zum Schluss ändert sich der Ton. Dana Caspersens wehmütiger Schlussmonolog kreist um den Verlust, sie zählt all die Dinge auf, die ein Sterbender „nie mehr“ erleben wird, auch Banales wie Partys und Margaritas. „No more of this“ sagt sie und streicht einer jungen Tänzerin über Stirn und Hand. Ein Moment voll tiefer Trauer, eine Abschiedsszene. Als ob hier einer der Welt des Tanzes, der Welt der Körper Adieu sagt.

Dem Berliner Publikum wird in den nächsten Tagen gleichwohl mehr Forsythe geboten. „Foreign Affairs“ hat noch das Stück „Sider“ aus dem Jahr 2011 eingeladen; in den Kunst-Werken in der Auguststraße sind bis 14. Juli zwei Filme und die Videoarbeit „The Defenders Part 3“ zu sehen. Auch das „White Bouncy Castle“, Forsythes Hüpfburg, in der das Festival eröffnet wurde, steht noch eine Woche.

„Sider“, 9.7., 20.30 Uhr, 10.7., 21 Uhr, Haus der Berliner Festspiele. Infos: www.berlinerfestspiele.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben