Festspielhaus Baden-Baden : Vom maroden Musentempel zum Vorzeigepalast

In Rekordzeit wurde das Festspielhaus Baden-Baden gebaut, doch nur sechs Wochen nach der Eröffnung vor zehn Jahren war es pleite. Inzwischen kann das Haus jedoch eine glänzende Bilanz präsentieren.

Georg Etscheit[ddp]

Baden-BadenIn Rekordzeit wurde das Festspielhaus vor dem alten Baden-Badener Bahnhof hochgezogen. Rekordverdächtig war auch die Zeitspanne, in der es dem früheren Management gelang, den Laden gegen die Wand zu fahren. Schon sechs Wochen nach der feierlichen Eröffnung am 18. April 1998 stand das Haus, mit 2500 Plätzen nach der Pariser Bastille-Oper das zweitgrößte Opern- und Konzerthaus Europas, vor der Pleite. Ganz Deutschland spottete über den "maroden Musentempel".

Genau zehn Jahre nach der Eröffnung konnte das Haus am Donnerstag nun eine glänzende Bilanz präsentieren. International bekannte Klassikstars wie Anne-Sophie Mutter, Lang Lang oder Claudio Abbado geben sich mittlerweile in Baden-Baden die Klinke in die Hand. Die Auslastung des eigenen Programms liegt bei 85 Prozent, das Betriebsergebnis ist ausgeglichen.

Auftritt von englischem Stardirigent wurde zum Reinfall

Dabei war das Projekt mit reichlich Vorschusslorbeeren an den Start gegangen. Einen kulturellen Leuchtturm wollte Baden-Württembergs Ex-Ministerpräsident Lothar Späth zusammen mit dem früheren Baden-Badener Oberbürgermeister Ulrich Wendt an die Ufer der Oos wuchten. Ein Ort edelster Hochkultur sollte das Festspielhaus werden, auf Augenhöhe mit den Salzburger Festspielen. Außerdem sollte der künstlerische Betrieb erstmals rein privat finanziert werden.

Doch dem Leitungstrio um Wolfgang Gönnewein gelang es von Anfang an nicht, die Ränge zu füllen. Bei einem Auftritt des englischen Stardirigenten John Eliott Gardiner etwa verloren sich nur ein paar Hundert Besucher in dem riesigen Auditorium. Der schwor daraufhin, niemals wieder nach Baden-Baden zu kommen. "Ein Chaostrio", urteilt heute Horst Weizmann. Der badische Stahlunternehmer sitzt im Vorstand der gemeinnützigen Kulturstiftung Festspielhaus Baden-Baden, die heute Trägerin des mittlerweile sanierten Hauses ist.

Jeden Tag drohte Gang zum Konkursrichter

"Wenn Andreas Mölich-Zebhauser nicht gekommen wäre, hätten wir hier Champignons züchten können", sagt Almuth Dinkelacker, Grünen-Stadträtin in Baden-Baden. Die Berufung des Kulturmanagers erwies sich als Glücksgriff. In vier Jahren gelang es ihm, den Palast aus den roten Zahlen zu holen. Zuvor musste allerdings die öffentliche Hand eine Anschubfinanzierung in Höhe von rund sechs Millionen Euro bereitstellen.

"Der stand da mit leeren Taschen", erinnert sich Stiftungsvorstand Weizmann an die prekäre Zeit im Frühsommer 1998. Kein Geld, Programm nur für ein paar Wochen, völlig überhöhte Ticketpreise und ein schlechtes Image. Jeden Tag drohte der Gang zum Konkursrichter. "Wir konnten keine Gehälter und Gagen mehr zahlen, ständig drohte ein Verfahren wegen Insolvenzverschleppung", sagt Mölich-Zebhauser.

Jedes Jahr 100 Eigenveranstaltungen

In einer besonders prekären Situation kam ihm sein Freund, der russische Stardirigent Valery Gergiev, zu Hilfe. Der sollte mit der ganzen Compagnie des St. Petersburger Mariinskij-Theaters zu einem Gastspiel anrücken, "Ich habe ihm gesagt, lass Deine Lkws in Russland, ich habe kein Geld." Gergiev verschaftte Mölich-Zebhauser ein Entree bei dem US-Großmäzen Alberto Vilar, der sich bereit erklärte, das Gastspiel zu finanzieren.

Zwei Drittel des Budgets des Festspielhauses werden heute durch Ticketverkäufe und Nebeneinnahmen getragen, ein Drittel durch private Spender und Sponsoren getragen - Spitzenwerte. Jedes Jahr gibt es 100 klassische Eigenveranstaltungen. Für weitere 30 Abende wird das Haus an externe Veranstalter vermietet.

Bürgermeister: Neues Aushängeschild der Stadt

Doch die Kritiker des Festspielhauses hören nicht auf, Salz in die Wunden zu streuen. So Dinkelaker: Sie ärgert, dass es immer heißt, das Festspielhaus sei das einzige in Europa, das ohne öffentliche Zuschüsse auskomme. "Für mich ist das reiner Etikettenschwindel." Miete und Instandhaltung des Hauses werden nämlich je zur Hälfte von Stadt und Land getragen.

Rund 3,5 Millionen Euro jährlich fließen an einen Immobilienfonds, über den der Bau des Hauses seinerzeit finanziert wurde. Für Instandhaltung, Steuern und Versicherung wird Jahr für Jahr nochmal eine halbe Million Euro öffentlicher Mittel fällig. Alles in allem summierten sich die Subventionen bis Ende der Fondslaufzeit im Jahr 2020 auf voraussichtlich 200 Millionen Euro, rechnet Dinkelaker vor.

Baden-Badens heutiger Oberbürgermeister Wolfgang Gerstner freut sich trotzdem über das Aushängeschild, das der Stadt zu neuer Dynamik verholfen habe. Größere finanzielle Risiken sieht er nicht mehr. (ho/ddp)

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