Fetschers Flugblätter : Die Musik der Sprache

Das Hören ist womöglich Sigmund Freuds größte Entdeckung: Zwei faszinierende Sammelbände widmen sich einer neuen Dimension der Psychoanalyse.

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Sigmund Freud 1938 in London
Sigmund Freud 1938 in LondonFoto: AFP

Auf Musik wollte sich Sigmund Freud, der große Erforscher der Seele, nicht einlassen. Mit Ausdauer betrachtete Freud Skulpturen oder las Lyrik, aber Orchesterklänge, Opern, Klavierabende, nein, da winkte er ab. „Eine rationalistische oder vielleicht analytische Anlage“, schrieb er, „sträubt sich in mir dagegen, dass ich ergriffen sein und dabei nicht wissen solle, warum ich es bin und was mich ergreift.“

Dennoch ist derselbe Freud, so erklärt Johannes Picht, gleichsam ein Erfinder des Hörens. Von der Fähigkeit, geschult und „mit gleichschwebender Aufmerksamkeit“ zuzuhören, wenn Menschen, leidende zumal, auf der Couch liegend sprechen, erhält die Analyse Einsichten wie Heilerfolge. Zwar war Freud, der Arzt, ein Augenmensch, modelliert er den „psychischen Apparat“ quasi als einen Bau mit den Etagen Ich, Über-Ich und Es, doch ohne Hören waren sie nicht zu haben. Er horchte gewissermaßen in den Bau hinein, achtete auf Tonlagen, Stimmfärbungen, Sprachmelodien, auf abwehrende Pausen, Harmonien, Dissonanzen, eben die ganze irrationale Partitur der Seele und deren individuellen Sinn.

Musik entsteht im komplexen Zusammenspiel von Intuitionen, Intellekt und Suchbewegungen

„Das Hören, nicht die Couch, ist seine große Entdeckung“, konstatiert Johannes Picht, selber Mediziner, Psychoanalytiker und ausgebildeter Pianist. Picht möchte der Psychoanalyse ihre musikalische Dimension bewusster machen, vielleicht sogar eine Art Paradigmenwechsel anregen. Es geht ihm durchaus um „eine Revision von Grundannahmen“. Aus einem interdisziplinären Forschungsprojekt der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung, das Picht ins Leben rief, sind zwei faszinierende Sammelbände entstanden. (Johannes Picht, Hg.: Musik und Psychoanalyse hören voneinander. Band 1 (2014) 187 S., Band 2 (2015), 210 S.. Psychosozial Verlag, Gießen, je 19,90 €.)

Zu Wort kommen im ersten Band unter anderem Analytikerinnen wie Christel Böhme-Bloem und Dorothee Stoupel, Musikwissenschaftler wie Hans Werner Heister und Dietmut Niedecken, der Komponist Hauke Jasper Berheide. Auf der Suche nach einer theoretischen Grundlage für das Projekt widmen sie sich etwa den Ursprüngen der Musik im Mutter-Kind-Dialog der Laute und Gesten oder dem Prozesshaften des Mediums Musik, das – anders als ein Gemälde – nur in Sukzession wahrgenommen werden und nie in Sprache aufgehen kann.

Die Bände stellen hochgradig politische Fragen zur Komposition von Geschichte und Gegenwart

Besser, passender, oder doch auf jeden Fall anders als Sprache, lässt Musik, ob Mozart oder Jazz, „Unaussprechliches“ erscheinen, verhandelt sie Affekte wie Trauer, Sehnsucht, Furcht und Freude, löst sie Assoziationen aus, Bilder, Erinnerungen, Hoffnungen, innere Dialoge. Keineswegs „drückt Musik Affekte aus“, darauf beharren auch die Komponisten, vielmehr entstehe sie im komplexen Zusammenspiel von Intuitionen, Intellekt und Suchbewegungen. Für Picht ist die Basis dieser Überlegungen ein Dreisatz: „Die Psychoanalyse erforscht seelische Prozesse. Die Dimension, die allen Prozessen gemeinsam ist und sie miteinander verbindet, ist die Zeit. Musik ist das künstlerische Medium, in dem Zeit dargestellt wird.“ So seine Einleitung zum wohl ergreifendsten Aufsatz dieses Bandes, einer Studie über Olivier Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“, eine Utopie vom Aufheben der Zeitlichkeit, uraufgeführt 1940 in einem deutschen Gefangenenlager.

Im zweiten Band addieren sich Gespräche mit den zeitgenössischen Komponisten Wolfgang Rihm, Dieter Schnebel, Hans Zender und Cornelius Schwehr zu einem Panorama des Aufspürens von Neuem im Klang, denn wie der Psychoanalyse geht es der Neuen Musik um das Auflösen alter und das Finden neuer Verknüpfungen. Inspirierend, tröstlich ist es, wenn hier gefragt wird nach dem, worum es für uns als Bewohner dieses schönen, rätselhaften Kosmos an sich geht. Wie bilden Kinder Symbole? Ein umwerfendes, unglaubliches Geschehen, das jedes Einzelwesen erst lernen muss, wie die ganze Gattung es einmal gelernt hat. Welche Quellen haben gelingende Beziehungen, Dialoge? Wo, wie werden die Spuren von etwas Vergangenem, Zerstörerischem transformiert, sodass Neues entsteht? Das sind hochgradig politische Fragen zur Komposition von Geschichte und Gegenwart. Das Nachdenken darüber tut hier richtig gut.

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