Film: "Bella e perduta" : Der Hirte und sein Büffelkalb

Abseits der Camorra: „Bella e perduta“ zeigt den Kampf eines Mannes, der sich der Bewahrung eines bourbonischen Palasts in Kampanien verschrieben hat.

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Der Hirte Tommaso Cestrone in "Bella e perduta"
Der Hirte Tommaso Cestrone in "Bella e perduta"Foto: grandfilm

Nicht nur in der industriellen Geflügelzucht geht es dem männlichen Nachwuchs ans Leben. Beim Milchvieh sind die Folgen der Ökonomisierung ähnlich, besonders drastisch bei den Wasserbüffelherden, die im süditalienischen Kampanien der Herstellung des Mozzarella di Bufala dienen. Längst wird die einstmals lokale Spezialität en gros ins Ausland exportiert. Vorbei auch die Zeiten, als die Büffel in der Landwirtschaft als Arbeitstiere eingesetzt wurden. So gelten die Bullenkälbchen heute als nutzloser Überschuss und werden geschlachtet oder einfach oft dem Verhungern preisgegeben.

Auf dem Schlachthof beginnt auch „Bella e perduta“ (Schön und verloren): In der subjektiven Perspektive eines getriebenen Tiers wankt die Kamera durch die Kachelgänge. Doch noch vor der Tötung springt der Film in eine von Männern in Clownskostümen bevölkerte surreale Zwischenunterwelt, in deren Bürokratie ein zunächst unverständlicher schriftlicher Antrag eines gewissen Tommaso Cestrone abgestempelt wird. Dann geht es weiter zu einem ehemals prächtigen und nun verfallenen Herrenhaus; dort findet ein mit Ausbesserungsarbeiten beschäftigter Mann an der Böschung ein ausgesetztes Büffelkälbchen und bugsiert es heimlich in den Stall.

Der Mann ist ebenjener Tommaso Cestrone – ein Hirte, der sich im Alleingang der Bewahrung des bourbonischen Palasts von Carditello vor Verfall und Plünderung verschrieben hat und dafür an Leben und Eigentum bedroht wird. Denn die einst für ihren landwirtschaftliche Reichtum berühmte Felix Campania ist heute Camorra-Land: Wegen des jahrzehntelangen Missbrauchs zur illegalen Ablage und Verbrennung von Giftmüll nennt man die Gegend zwischen Neapel und Caserta „Terra dei fuochi“, Feuerland. Geschichte gilt hier nichts. Doch Cestrone ist ein Kämpfer: „Ich will sehen, ob der Palast lebt oder stirbt“, sagt er und schafft mit dem Pick-up eine weitere Ladung vergammelter Autoreifen weg.

Unser Verhältnis zur ausgebeuteten Natur

Doch dann stirbt er selbst plötzlich während der Dreharbeiten am Weihnachtsabend: Eine Fatalität auch für den Film. Denn Cestrone gab es wirklich. Und „Bella e perduta“ war ursprünglich wohl angelegt als ein Porträt dieses klarsichtigen und lobenswerten Mannes – ein Interview mit ihm ist immer noch prominent in den Film eingearbeitet. Doch sein vorzeitiger Tod zwang Regisseur Pietro Marcello, eine neue verbindende Klammer zu finden. So kam die aus der neapolitanischen Volkskultur stammende Figur des Pulcinella als märchenhafter Reiseführer in den Film und wandert nun mit dem von Cestrone geretteten Büffelkälbchen durch einige Landstriche Süditaliens gen Norden.

Dieser aus der Commedia dell’arte bekannte Kasper-Typus und Diener wird mit altersweisen Betrachtungen über die irdischen Verhältnisse zum Erzähler des Films und gibt den Begegnungen und Erlebnissen eine regionalmythisch gegründete überhöhte Note. Schon in seinen vier langen Filmen hatte der selbst in Caserta geborene Regisseur sich bislang für den Verlust von Lebensräumen und die Bruchstellen zwischen Schönheit und ökonomisch gesteuerter Gewalt, lebendiger Tradition und Geschichtsvergessenheit interessiert.

Auch in „Bella e perduta“ steht der verfallende Palast für das von Gier und Ignoranz zerfressene Land, weist aber unübersehbar auch generell auf unser Verhältnis zur ausgebeuteten Natur. Plakativ ist der Film trotz solch großer Gestik nie. Nur das Kälbchen träumt als tierischer Utopist von einem Erdenplaneten, den die eines Tags gen Weltraum entschwundenen Menschen der Restnatur überlassen haben.

Acud, Brotfabrik, Il Kino, Lichtblick (alle OmU)

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