Film „Certain Women“ : Montana kann sehr kalt sein

Independent-Filmemacherin Kelly Reichardt porträtiert in ihrem ruhigen Episodenfilm „Certain Women“ vier willenstarke Amerikanerinnen - und den Nordwesten ihres Landes.

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Willenstark. Gina (Michelle Williams) möchte ein Haus in der Wildnis bauen.
Willenstark. Gina (Michelle Williams) möchte ein Haus in der Wildnis bauen.Foto: Peripher

Ein Bild wie gemalt: tief hängende Wolken über einer schmutziggrünen Wiese, im Hintergrund ein gestreckter, mauerartiger Berg. Schienen führen von der rechten oberen Ecke in die Bildmitte. Ein sehr langer Güterzug wird hier in den nächsten zwei Minuten durchfahren. Man wünschte, es käme gleich noch ein zweiter hinterher, so fein komponiert und perfekt kadriert ist diese erste Einstellung von Kelly Reichardts „Certain Women“.

Beiläufig beschwört sie damit den Mythos des amerikanischen Westens und lenkt die Aufmerksamkeit auf eine der Protagonistinnen dieses klugen, lakonischen Films: die Winterlandschaft des US-Bundesstaates Montana, rund um das Städtchen Livingston. Reichardt porträtiert die verschneiten Berge und kargen Flächen in emblematischen Bildern. Mal durch Fenster gefilmt, die wie Bilderrahmen wirken, mal in Panoramaaufnahmen. Wie schon in ihrem Anti-Western „Meek’s Cutoff“ von 2011, der einen Siedlertreck durch das ausgedörrte Oregon begleitet, wird das Setting fast körperlich erfahrbar. Wie man damals die Hitze und den Staub förmlich fühlen konnte, meint man diesmal die Kälte und die Nässe zu spüren.

In Livingston sind die Temperaturen gerade auf Minus 15 Grad gefallen. „Passen Sie auf, dass das Wasser in den Hundenäpfen nicht einfriert“, warnt der Radiosprecher. Schon drei Hunde mussten mit geschwollenen Zungen zum Tierarzt. Dem Vierbeiner von Anwältin Laura (Laura Dern) geht es gut, sie nimmt ihn mit in ihre Kanzlei, wo ihr Dauerklient Mister Fuller (Jared Harris) bereits auf sie wartet. Seit acht Monaten will er nicht einsehen, dass er keine Schadenersatzansprüche gegenüber seinem früheren Arbeitgeber geltend machen kann.

Laura begleitet ihn zu einem älteren Kollegen, der zu genau demselben Ergebnis kommt. Diesmal sagt Fuller „Okay“ und geht raus – er musste es nur von einem Mann hören. Laura sagt am Telefon zu ihrem Geliebten: „Eine schöne Vorstellung: Ich wäre ein Mann und wenn ich das Gesetz darlegte, sagten alle nur: Okay.“ Es würde ihr viel Zeit sparen. Doch sie gehört nicht zu denen, die jammern und sich beschweren, sie geht stoisch und pragmatisch durchs Leben. Und wenn nachts die Polizei anruft, weil Mister Fuller eine Geisel genommen hat, fährt sie natürlich hin, lässt sich eine kugelsichere Weste anlegen und redet mit ihm.

Gina will im Wald ein Haus für ihre Familie

Laura steht im Zentrum der ersten von drei lose miteinander verbundenen Episoden in „Certain Women“, die auf Kurzgeschichten von Maile Meloy basieren. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich um sehr ernsthafte, willensstarke Frauen drehen. Der zweite Teil handelt von Gina, gespielt von Michelle Williams – bereits ihre dritte Zusammenarbeit mit Kelly Reichardt. Mit ihrem Mann Ryan (James Le Gros) und der gemeinsamen Tochter Guthrie (Sara Rodier) verbringt sie ein Campingwochenende im Wald. Hier wollen sie demnächst ein Haus bauen – ein Plan, der Gina offensichtlich weit mehr elektrisiert als den Rest ihrer Familie. Ryan, der eine Affäre mit Laura hat, scheint nicht recht bei der Sache zu sein. Die pubertierende Tochter hat ohnehin auf nichts Lust.

Kelly Reichardt benötigt nur wenige Szenen, um diese Familie zu charakterisieren. Ihre Vorgeschichte und ihr Heim werden nie gezeigt, sind aber leicht vorstellbar und werden quasi mitgedacht – genau wie die Krisen, die noch vor ihnen liegen. Man meint, sie schon zu erkennen in dem Steinhaufen, den Gina am Ende der Episode lächelnd betrachtet und aus dem einmal das Waldhaus entstehen soll.

Kristen Stewart spielt eine gehetzte Jungjuristin

Auch Beth (Kristen Stewart) möchte sich etwas aufbauen. Sie hat gerade ihr Jurastudium beendet und arbeitet in einer Kanzlei in Livingston. Doch weil die aus der Arbeiterklasse stammende junge Frau ein Darlehen zurückzahlen muss, fährt sie noch in das vier Stunden entfernte Belfry, um einen Abendkurs zu geben. In der letzten Reihe sitzt jedes Mal eine junge Pferdepflegerin (Lily Gladstone), die Abwechslung von der einsamen Arbeit auf ihrer Ranch sucht. Sie interessiert sich nicht für das Thema des Kurses, sondern für Beth, die sie nach dem Unterricht stets in einen Diner begleitet.

Ihre geduldige Annäherung an die Anwältin hat etwas Rührendes, vor allem weil sie die Aussichtslosigkeit ihrer Bemühungen nicht bemerkt. Ein einziges Mal gelingt es ihr, Beth aus ihrer Selbstbezüglichkeit zu reißen: Sie reitet mit ihr zum Restaurant und zurück – ein Moment der Nähe und des Stolzes, der sich in einem zarten Lächeln auf dem Gesicht der Rancherin spiegelt. Zurück auf der Erde ist es vorbei damit: Als die Reiterin das Ende von Beths Schal ergreift, reißt diese sich los und steigt in ihren Wagen.

Das Darstellerinnen-Ensemble spielt beeindruckend eindringlich

Autofahrten sind ein wiederkehrendes Motiv in „Certain Women“. Sie verstärken das Gefühl für die Weite des Landes. Wobei Kelly Reichardt, die selbst im Nordwesten der USA lebt, den Blick auf die Landschaft langsam über die drei Episoden aufzieht: Spielt der erste Teil noch in der Stadt, ist der zweite schon größtenteils in der freien Natur angesiedelt, wo sich die Stadtmenschen ein neues Heim schaffen wollen. Native sandstone, Steine aus der Gegend, sollen dabei verwendet werden. Am stärksten verbunden mit der Landschaft ist jedoch die namenlose Pferdepflegerin, eine indigene Amerikanerin. Es wirkt ungemein würdevoll und auch tröstlich, wie sie nach der Enttäuschung mit Beth ihre Arbeit fortsetzt. Die Pferde, ihr kleiner Hund, die verschneite Weide – sie bewegt sich mit einer Gewissheit in ihrer Welt, die die gehetzte Beth niemals kennen wird.

Lily Gladstone verkörpert diese junge Frau sehr überzeugend, sie besteht in dem hochkarätigen Ensemble neben Laura Dern, Michelle Williams und Kristen Stewart problemlos. Die stille Eindringlichkeit, mit der das Quartett spielt, passt perfekt zu Kelly Reichardts geduldigem Inszenierungsstil und macht dieses Triptychon zu einer intensiven Erfahrung. Vier US-Amerikanerinnen als Heldinnen ihres Alltags – einfach und aufregend zugleich. Wie das Leben.

Brotfabrik, Central, City Kino Wedding, Filmkunst 66, fsk (alle OmU)

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