Film "Das bessere Leben" : Die Telefonfräuleins

Eine "Elle"-Reporterin interviewt Callgirls und denkt über ihre Rolle als bürgerliche Ehefrau nach: Juliette Binoche brilliert im filmischen Recherche-Experiment „Das bessere Leben“.

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Die Französin Juliette Binoche hat sich als Leinwanddiva eine nervöse Schneewittchen-Aura bewahrt. In ihrem dritten Kinospielfilm „Das bessere Leben“ setzt die polnische Regisseurin Malgorzata Szumowska auf eine von Binoches oft geübten Gaben: die Interpretation introvertierter Frauen, die sich vom Leben mitreißend verwirren lassen, effektvoll in Zickengelächter ausbrechen und handfeste Alltagsszenen als komische Nummern zelebrieren.

„Das bessere Leben“ – aus Gründen der deutschen Mitfinanzierung teils in rheinischen Hotels gedreht – situiert den Star als Hausfrau und Teilzeitautorin im bourgeoisen Wohlstandsambiente von Paris. Attraktiv verwuschelt geistert die alterslose Schöne durch die Flure ihrer Wohnung – im Geist mit den Themen Prostitution und weiblicher Sex beschäftigt, während nach außen hin die perfekte Routine ihres Haushalts mit dem gestressten Ehemann und zwei ziemlich unzugänglichen heranwachsenden Söhnen abläuft.

Anne (Juliette Binoche) schreibt zum Sound von Klassik-Radio, kämpft oft mit der leidig verklemmten Kühlschranktür und hat Probleme mit ihrer Einkaufsliste. Riesling muss ans Huhn, guter Käse auf den Tisch. Selbst im Finale des Films, einer reichlich lethargischen Familienvereinigung, wird demonstrativ ein bekannter Keks mit Apfelfüllung herumgereicht.

In Interviews betont die Regisseurin, dass sie das Drehbuch im Pariser Milieu der omnipräsenten Markennamen verfasste. Doch was sie als dokumentarische Beobachtung eines konsumgeilen Savoir-vivre festzuhalten glaubt, gerät zur glatten Chiffre ihrer Faszination. Die gemeinte Ironie geht in unverschämtem Product Placement unter. „Sponsoring“ lautete der Ur-Titel des Films, „Elles“ – für französische Ohren identisch mit dem Frauenmagazin, für das Anne schreibt – heißt er nun im Original.

Es muss in dieser Welt doch mehr als alles geben, und Pornografie gehört offensichtlich dazu. Anne schwärmt zu einer Recherche über das aktuelle Zeitgefühl aus und trifft sich mit zwei Studentinnen, die als Prostituierte gutes Geld verdienen und sich wohlfühlen dabei – jedenfalls erzählt „Das bessere Leben“ von nichts anderem als der Suggestion eines LifestyleSurplus. Charlotte, dargestellt von der elfenhaften Anaïs Demoustier, entflieht der Armseligkeit ihres Elternhauses, die junge Polin Alicja (Joanna Kulig) kompensiert ihren miserablen Start in der Fremde, bei dem ihr alles gestohlen wurde. Solche Verweise bleiben allerdings bloße Skizze; die beiden fungieren wie im Vorher/Nachher-Traum eines Werbeclips als Ikonen erfolgreicher Ich-AGs. Lästige Details konkreter JobOrganisation (die richtige Wohnung, Bereitstellung von Kondomen, steter Check des eigenen Körpers) kommen in Malgorzata Szumowskas Oberflächeninszenierung nicht vor.

Anne, die – abgesehen von einem Telefonat – ohne Kontakt zu anderen Frauen, etwa ihren verlegerischen Auftraggeberinnen bleibt, lässt sich obsessiv auf die jungen Profis ein. Deren Begegnungen mit Freiern inszeniert und montiert die Regisseurin so, dass der surreale PornoSchick der Episoden auch als pure Lustfantasie der älteren Frau aufscheint. Nähren sich Annes Empathie, ihre Tanzerei und die Pasta-Orgie mit Alicja, schließlich ihr Masturbationsversuch in der Wäschekammer und ein Versuch, sich mit großem Dekolleté zum Dinner in der eigenen Küche aufzurüsten, letztlich selber von der Standard gewordenen pornografischen Betriebsamkeit, die die moralische Journalistin lange nicht wahrhaben wollte? Malgorzata Szumowska stellt die geldwerte Verfügbarkeit der Körper aus. Außer Wow! hat sie keine Haltung dazu.

In den Kinos Cinemaxx, Moviemento; OmU im fsk

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