Film : Das ewige Mädchen

Vom Starlet zur Diva: Die Schauspielerin Hannelore Elsner feiert ihren 70. Geburtstag. Sie träumt von Altersrollen, wie es sie im deutschen Kino und Fernsehen eher nicht gibt, Rollen von Frauen, die im Alter nicht einsam, frustriert, grauhaarig und tantig sind.

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Zum Schießen. Hannelore Elsner vor einem Foto von Herlinde Koelbl, das sie als Fernsehkommissarin im Frankfurter Filmmuseum zeigt.
Zum Schießen. Hannelore Elsner vor einem Foto von Herlinde Koelbl, das sie als Fernsehkommissarin im Frankfurter Filmmuseum zeigt.Foto: dpa

Da, wo sie ist, passt sie nicht hin. Trotzdem macht sie dabei eine gute Figur. Hannelore Elsner hat immer wieder verlorene, haltlose Heldinnen gespielt. In ihrem Lieblingsfilm „Die endlose Nacht“, 1963 von Will Tremper inszeniert, lässt sie sich stundenlang durch das Flughafengebäude von Berlin-Tempelhof treiben. Der Airport ist wegen Nebel gesperrt, die Reisenden sitzen fest. Elsner arbeitet als Mannequin und muss dringend zu einem Fotoshooting. Im kleinen Schwarzen, mit Perlenkette und Haubenfrisur scheint sie direkt von einer Party gekommen zu sein. Sie drängelt sich vor am Counter, schimpft, wird von Halbstarken bedrängt. Das Episodendrama, ein Vorläufer des Neuen Deutschen Films, sollte für lange Zeit Elsners Image eines Starlets prägen.

Fast vierzig Jahre später, 2000, stöckelt sie in Oskar Roehlers Film „Die Unberührbare“ mit Kleopatraperücke, im Dior-Mantel und grotesk geschminkt zwischen Plattenbauten durch Ostberliner Steppenlandschaften. Die Tragödie einer Frau, die unmittelbar nach dem Mauerfall spielt. Der Sturz des Kommunismus hat eine einstige Großschriftstellerin, die nach Roehlers Mutter Gisela Elsner gezeichnet ist, in ein Alien verwandelt. Und in eine Untote, eine Mumie. Keiner will mehr ihre Romane drucken. „Denen bin ich zu links“, sagt sie, unablässig rauchend, und bittet den Sohn, ihr Speed zu besorgen. Hannelore Elsner zeigt die Verpanzerung einer Gescheiterten und verleiht ihr trotzdem Grandezza. Der Film verschaffte der Schauspielerin ein Kinocomeback, er hat ihr „großes Glück“ gebracht, sagt sie.

Hannelore Elsner, 1942 im oberbayrischen Burghausen geboren, wusste früh, welchen Weg sie gehen wollte. „Ohne Spiel wäre mir das Leben viel zu ernst“, befand sie gerade in einem ARD-Fernsehporträt. Ihr Bruder kommt mit fünf Jahren kurz vor Kriegsende bei einem Tieffliegerangriff ums Leben, der Vater – ein Ingenieur – stirbt 1950 an Tuberkulose. Eine Kindheit voller Härten. Nach dem Besuch einer Klosterschule nimmt sie Schauspielunterricht, steht in den Münchner Kammerspielen und im Volkstheater auf der Bühne, bricht aber für „Die endlose Nacht“ ein Engagement ab.

Eigentlich möchte sie in Filmen auftreten, wie Truffaut sie in Frankreich macht. Filme, die Eleganz mit Leichtigkeit verbinden und das Leben und die Liebe feiern. Aber solche Filme gibt es im Deutschland der sechziger und siebziger Jahre nicht. Stattdessen bekommt sie Rollen in Fernsehserien wie „Der Nachtkurier meldet“, „Das Kriminalmuseum“, „Der Kommissar“ oder später „Die Schwarzwaldklinik“, in Sexfilmchen wie „Der Bettenstudent“ und in belanglosen Komödien wie „Herrliche Tage im Spessart“ oder „Zum Teufel mit der Penne“. Aber sie arbeitet auch mit Edgar Reitz, István Szabó, Bernhard Sinkel und Alfred Vohrer. „Ich komme mir manchmal vor wie eine Amazone, die Narben mit sich rumträgt“, lautet ihre Lebensbilanz.

In Elsners Filmografie finden sich inzwischen – Stand: 25. Juli 2012 – 188 Titel. Eine Zahl, mit der sie jede andere heute aktive deutsche Darstellerin übertreffen dürfte. Dabei ist erst spät ein Star aus ihr geworden. Fernsehruhm brachte ihr die Reihe „Die Kommissarin“, in der sie zwischen 1994 und 2006 als Ermittlerin Lea Sommer zu sehen war. Sie trug Minirock und eine schwarze Herrenlederjacke und brachte die Verbrecher auch schon mal mit einem Tritt in Hackenschuhen zur Räson. Eine Dame und eine Kämpferin. Til Schweiger, eine Zeit lang ihr Assistent, konnte nur staunen.

Und dann kamen „Die Unberührbare“, vier Filme nacheinander mit Rudolf Thome, der hinreißende Auftritt als blondierte und berlinernde jüdische Mama in Dani Levys Komödienhit „Alles auf Zucker!“. In Oliver Hirschbiegels Kammerspiel „Mein letzter Film“ spricht sie einen Großschauspielerinnenmonolog, den Bodo Kirchhoff für sie geschrieben hat. Eine Yellowpressgröße war die Elsner, die Affären mit Dieter Wedel und Bernd Eichinger hatte, schon länger – nun stieg sie auf zur nationalen Diva in der Nachfolge von Marlene Dietrich und Hildegard Knef. Sie kultiviert die Aura eines ewig staunenden Mädchens, kann höchst charmant sein und auch zickig. Doch zum ersten Mal in einer Talkshow gesessen hat sie erst 1993.

„Das Leben ist ein Geschenk, das man annehmen und auspacken muss“, hat sie in ihrer im letzten Jahr erschienenen Autobiografie geschrieben, die den passenden Titel „Im Überschwang“ trägt und ein großer Erfolg wurde. Sie träumt von Altersrollen, wie es sie im deutschen Kino und Fernsehen eher nicht gibt, Rollen von Frauen, die im Alter nicht einsam, frustriert, grauhaarig und tantig sind. Vier Filme hat sie 2012 gedreht, das beweist Vitalität. Am heutigen Donnerstag feiert Hannelore Elsner, die in Frankfurt am Main lebt, ihren 70. Geburtstag.

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