Film-Doku: "Bolschoi Babylon" : Tütüs und Skandale

Attentate, Intrigen, Weltklassetanz: Der Dokumentarfilm „Bolschoi Babylon“ erforscht das Innenleben der berühmten Moskauer Ballettbühne.

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Hinterm Vorhang. Ballerina Maria Alexandrova vor dem Auftritt.
Hinterm Vorhang. Ballerina Maria Alexandrova vor dem Auftritt.Foto: polyband

Skandale und Intrigen hat es reichlich gegeben in der Geschichte des Moskauer Bolschoi-Theaters. Das Säureattentat auf den Ballettchef Sergej Filin vor drei Jahren allerdings markierte einen Tiefpunkt. Filin wurde vor seinem Wohnhaus von einem vermummten Täter eine ätzende Flüssigkeit ins Gesicht geschüttet – er wäre fast erblindet. Der Fall erregte international Aufsehen. Denn als Auftraggeber des Anschlags wurde ein Tänzer aus den Reihen des Bolschoi festgenommen: Pawel Dmitritschenko soll wütend gewesen sein, weil seine Freundin bei der Besetzung wichtiger Rollen übergangen wurde. Dmitritschenko, der zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde, ist wieder auf freiem Fuß: Wegen guter Führung wurde er im Juni aus der Haft entlassen.

Als das Attentat geschah, waren die britische Filmemacher Nick Read und sein Produzent Mark Franchetti gerade in Moskau, um ihre Dokumentation „The Condemned“ über die russische Strafkolonie Nr. 56 fertigzustellen. Spontan wollten sie die Hintergründe des Falls Filin recherchieren – und erhielten überraschend sofort eine Drehgenehmigung, als das Ensemble noch unter Schock stand. Die wurde zwar bald widerrufen, doch unter dem neuen Intendanten Wladimir Urin durften sie weiterdrehen.

Ein Netz aus Neid und Rivalität

In ihrem Dokumentarfilm „Bolschoi Babylon“ nun wird – hinter den Kulissen der weltberühmten Ballettkompanie – ein Netz aus Neid, Rivalität und Intrigen sichtbar. Auch die Verstrickungen von Kunst und Politik werden deutlich. Das Bolschoi-Theater liegt nur rund 500 Meter vom Kreml entfernt. Die Mächtigen haben immer wieder Einfluss genommen auf das Theater, das als russisches Nationalheiligtum gilt. Als „Geheimwaffe“ preist etwa Ministerpräsident Dmitri Medwedew das Bolschoi.

Der Film, rasant geschnitten, stellt die Nachrichtenbilder von Filin mit verbundenem Kopf neben faszinierende Szenen aus „Schwanensee“ oder „La Bayadère“, die vom einzigartigen Zauber des Bolschoi künden. Oft werden die Tänzer auch von der Seitenbühne gefilmt, kurz vor dem Auftritt. Aus den Interviews mit Tänzern, Mitarbeitern und Politikern entsteht ein komplexes Bild. Hinzu kommen Archivaufnahmen, auf denen die Ballett-Liebhaber Stalin – er hatte im Bolschoi eine kugelsichere Loge – und Chruschtschow sowie hohe Staatsgäste zu sehen sind.

Mit mehr als 250 Tänzern ist das Bolschoi die größte Kompanie der Welt. Eifersucht und Konkurrenz, bei diesen Dimensionen unvermeidbar, haben hier offenkundig pathologische Züge angenommen. Die Interviews mit Tänzerinnen sind in dieser Hinsicht allerdings nur bedingt aussagekräftig. Die Primaballerina Maria Alexandrowna etwa spricht – eher branchenüblich – über die Faszination und die Härten des Berufs, die Angst vor Verletzung und den Kampf um die Rollen. Nur eine Tänzerin erklärt: „Wir misstrauen den Managern, das liegt in unserer DNA. Wenn man Manager wird, wechselt man auf die dunkle Seite.“

Filin kehrte zurück - nach dem Säureanschlag

Sergej Filin, den die Filmemacher bei seiner Rückkehr ans Bolschoi begleiten, vergleicht seinen Arbeitsplatz mit einem Minenfeld: „Als Tänzer bin ich mit allen gut ausgekommen. Doch als ich Direktor wurde, hat sich die Haltung mir gegenüber komplett verändert. Es gab Intrigen jeder Art. Es herrscht eine unglaubliche Eifersucht.“ Außerdem wehrt er sich vehement gegen Vorwürfe, er sei korrupt und habe Ballerinen zum Beischlaf gezwungen.

Unterdessen gehen, auch das zeigt die Doku, die Machtkämpfe in eine neue Runde. So stellt der neue Intendant Wladimir Urin den zurückgekehrten Filin in einem Meeting bloß. Vom russischen Kulturminister zur Rettung des guten Rufs des Bolschoi eingesetzt, spricht Urin erstaunlich offen. Bislang hätten Politiker ungeniert Stückwahl und Besetzung beeinflusst. „Ich bin der Intendant, aber 40 Prozent der Entscheidungen werden von anderen Leuten getroffen“, erklärt er. Und: „Ich muss die Kontrolle übernehmen.“ Den Vertrag mit Filin hat er dann prompt nicht verlängert.

In Berlin in den Kinos Babylon Kreuzberg (OmU) , Cinema Paris, Cinestar SonyCenter (OV), FaF, Kulturbrauerei

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