Film-Doku über die Politik Italiens : Was von der Linken übrig bleibt

In ihrer satirischen Dokumentation stellen Luca Ragazzi und Gustav Hofer eine alte Frage neu: "What is Left?" Herausgekommen ist eine so anregende wie kompakte Handreichung über Italiens Politik.

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Quizfrage: Was is links? Hofer (rechts) und Ragazzi dürfen raten.
Quizfrage: Was is links? Hofer (rechts) und Ragazzi dürfen raten.Foto: déja-vu

Den hübschen Doppelsinn dieser Frage gibt es auf italienisch eigentlich gar nicht. Was links ist, weiß schließlich jedes Kind, und die Autoren des Films beten es gleich zu Beginn selbstironisch herunter: Man läst keinen „Tag der Befreiung“ aus – Italien feiert das Kriegsende am 25. April -, und keinen „Gay Pride“-Umzug, man demonstriert radelnd für das Ende des automobilen Zeitalters, schraubt Solarpaneele auf den Balkon, kauft im Weltladen recyceltes Klopapier und ist, so die Stimme aus dem Off, bei jeder der regelmäßig ausgerufenen Wiedergeburten der italienischen Linken dabei. Aber was ist, und das ist der italienische Teil der Frage, von der überhaupt übriggeblieben?

Was einmal links war, ist jetzt ein formloses Etwas

 Um dem nachzuspüren, haben sich Luca Ragazzi und Gustav Hofer, Regisseure wie leading couple dieses Roadmovies durch Italiens Politik, das vergangene Jahr vorgenommen. Eine glückliche Entscheidung, das Wahljahr 2013 hat deren hartnäckige Leiden konzentriert vorgeführt. Der Film konzentriert sich auf Vor und Danach der Parlamentswahl Ende Februar 2013: Die monatelange, aus Umfragen gespeiste Gewissheit des oppositionellen „Partito democratico“ (PD), Berlusconi diesmal nun wirklich zu besiegen, dann der Absturz: Ein nur hauchdünner Vorsprung des PD reicht der Erbin der einstigen kommunistischen Massenpartei, vor sieben Jahren mit den linkskatholischen Rand der früheren Christdemokraten zu einer recht amorphen Etwas verschmolzen, gerade knapp zur Mehrheit in nur einer der beiden Parlamentskammern.

Und dabei ist wieder - Berlusconi

„Wir haben nicht gewonnen, obwohl wir den ersten Platz gemacht haben“, sagt resigniert Parteichef Pier Luigi Bersani. Er wird wenig später zurücktreten, nachdem sein Haufen im anschließenden Rennen um die Besetzung des Staatspräsidentenamts auch die einzige Chance zum Ausgleich mit der populistischen „Fünf-Sterne-Bewegung“ von Beppe Grillo – absichtsvoll? - versemmelt hat. Gegen deren Kandidaten, den linksliberalen Verfassungsrechtler Stefano Rodotà, hatte der PD einen Berlusconi genehmen von sehr viel weiter rechts nominiert – der krachend verliert.  Staatspräsident Napolitano bleibt schließlich und kann die Reste der Democratici ungestört in jene Koalition lotsen, die ihm die liebste ist – die mit Berlusconi. „Ich dachte, das würde der wichtigste und emotionalste Moment dieser so schwierigen Legislaturperiode“, sagt im Film der neugewählte 25-jährige PD-Abgeordnete Enzo Lattuca, „aber ich habe aus der Nähe Machenschaften sehen müssen, die ich bis dahin nicht glauben wollte. Der PD ist eine oligarchische Partei, die aus Mangel an Identität nicht zusammenhält. Jetzt bleibt nur noch Asche.“

Der linke Geist weht an vielen Orten

So viel zum Körper der italienischen Linken. So leblos scheint er, dass in diesem Werk keiner auf die Idee käme, den Verzweiflungsschrei  zu wiederholen, den Nanni Moretti 1998 in „Aprile“ gegen die Mattscheibe schleudert, als dort der frühere Linken-Parteichef D’Alema auftaucht: „Sag was Linkes, D’Alema, los, rede, sag was, auch wenn es nicht links ist!“. Bleibt die Frage nach dem Geist der Linken. Der ist, folgt man den Sondierungen von Hofer und Ragazzi, keineswegs tot, der weht, wo er will, auch unter denen, die die Plätze für die Massenversammlungen des Volkstribunen Beppe Grillo bevölkern. So gespenstisch-gewalttätig Grillos Auftritte, so groß die Sehnsucht seiner oft jungen Anhänger, den alten Links-rechts-Gegensatz zu überwinden: Ihre Träume sind links gewirkt, sie handeln, wie sie vor Hofer und Ragazzis Kamera sagen, von guter Arbeit, direkter Demokratie, weltweiter Gerechtigkeit oder einem funktionierenden Gesundheitswesen. Die Themen sind da und klar, wenn auch nicht so klar, wie es die Quiz-Show „What ist left?“ im Film will, deren Moderatorin ihre Kandidaten Hofer und Ragazzi mit Ja-Nein-Fragen zur Verzweiflung treibt: Sind Almosen besser als der Wohlfahrtsstaat, ja oder nein? Macht einen ein befristeter Arbeitsvertrag freier? Bargeld oder Kreditkarte?

Zwischen Kennedy und Kommunismus 

So einfach ist’s natürlich nicht und genau wissen sie es selbst nicht, auch wenn sie daheim diskutieren. Der in Sarntal bei Bozen aufgewachsene, von den Grünen geprägte Gustav Hofer sieht sich als „Kennedyaner“, sein Freund Ragazzi stammt aus einer kommunistischen römischen Familie. Dass da zwei Köpfe am Werk sind, trägt womöglich ebenso viel zum Erfolg ihrer „What’s left“-Erkundung bei wie ihr gemeinsamer Beruf, beide sind Journalisten. Weswegen ihr Film, der so viel Anmutung und auch etwas von der Anmut vieler Arbeiten von Nanni Moretti hat, viel weniger subjektiv ist. Er ist, im besten Sinne, Volkshochschulkino; er gibt Antwort auf viele Fragen, die auch ein ratloses Europa Italien immer wieder stellt. Warum, zum Beispiel, laufen sie einem wie Grillo nach? Wer den Stimmen lauscht wie die beiden hinter der Kamera, weiß es bald: Aus Verzweiflung oder verzweifelter Hoffnung. Und aus Mangel an Alternativen. Wobei man’s als gutes Zeichen nehmen mag, dass Berlusconi in diesem Film schon eine Randfigur geworden ist.  

Die Politik der Hanfsandale

 Natürlich nähern sich Hofer und Ragazzi am Ende auch dem andern Teil der Titelfrage. Was ist, noch, links? Die Antworten, selbstverständlich nie erschöpfend, holen sich Hofer und Ragazzi, von jungen linken Abgeordneten, aus den römischen Ortsvereinen des PD, vom Architekten, der die Erdbebenruinen von L’Aquila wieder aufbauen soll, und von der 65-jährigen linken Traditionswählerin, deren Kinder, „informiert und intelligent“, zu ihrer Enttäuschung Grillo gewählt haben. 

 „Ist dir schon einmal aufgefallen, dass es Espadrilles nicht in rechts und links gibt?“ fragt Hofer den Freund beim Blick in den Schuhschrank der gemeinsamen Wohnung. Am Ende ihres Films ist klar, dass das wohl nur für die spanischen Hanfsandalen stimmt.

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