Film "Ein Chanson für Dich" : Noch einmal will ich glitzern

In Bavo Defurnes feinem Liebesdrama „Ein Chanson für Dich“ erlebt Isabelle Huppert ein spätes Comeback als Sängerin.

Stella Donata Haag
Aus der Fabrik auf die Bühne. Liliane (Isabelle Huppert) war in den Siebzigern als Laura bekannt.
Aus der Fabrik auf die Bühne. Liliane (Isabelle Huppert) war in den Siebzigern als Laura bekannt.Foto: Fabrizio Maltese/Alamode

Lorbeerblätter, Wacholderbeeren, Cranberries, sorgfältig auf der Mitte der fertigen Fleischpastete platziert. Nächste Pastete. Stundenlang arbeiten die Frauen mit den weißen Plastikhäubchen an den blitzsauberen Edelstahltischen in diesem Rhythmus, bis der Schichtleiter per Durchsage den nächsten Arbeitsgang ankündigt, der aber nie gezeigt wird. Alles, was der Zuschauer zu sehen bekommt, sind Lorbeerblätter, Wacholderbeeren, Cranberries.

Mit dieser in ihrer Hyperrealität schon leicht absurden, streng choreografierten Szene beginnt „Ein Chanson für Dich“, zu ihr kehrt er immer wieder zurück, denn die Arbeit in der Fabrik ist der Anker im Leben der nicht mehr ganz jungen Liliane (Isabelle Huppert). Während die Kolleginnen sich im Bus über die richtige Zubereitung von Fritten unterhalten, liest sie Marilyn French, und in der Pause sitzt sie immer allein.

Bis der 22-jährige Boxer Jean (Kévin Azaïs) als Aushilfe in die Fabrik kommt und in ihr die einstmals berühmte Sängerin Laura erkennt, die 1974 fast den Grand Prix für Belgien gewonnen hätte, wären da nicht ABBA gewesen. Die beiden verlieben sich, und Liliane versucht ein Comeback mit dem Song „Joli Garçon“, in dem sich „Arme aus Beton“ auf „Herz aus Bonbon“ reimt.

Der Film hat etwas Zögerliches

Anders als der deutsche Verleihtitel vermuten lässt, ist der Film von Bavo Defurne nicht eine weitere romantische Komödie für die irritationslose Sommerunterhaltung. Die aufgeregte Zielstrebigkeit fehlt völlig, das unausgesprochene Vertrauen auf das garantierte Happy End. Der Film hat etwas Zögerliches, ein Innehalten gerade auch in den Momenten der romantischen Erfüllung. Die Kamera (Philippe Guilbert) wird zur Chronistin eines flüchtigen Glücks, dem das „Vorbei“ schon eingeschrieben ist. „Souvenir“ heißt der Film im Original, „Erinnerung“. Der Soundtrack von Pink Martini passt in seiner ironischen Nostalgie perfekt zu dieser ungefähren Stimmung zwischen irgendwann und nie.

Der latente Überdruss, der sich beim regelmäßigen Kinogänger einstellt, wenn schon wieder ein Film mit Isabelle Huppert angekündigt wird, verschwindet mit den ersten Bildern. Ihr Körper ist ein schauspielerisches Präzisionsinstrument mit kraftvollem Effekt, selbst nach dem x-ten Film oder einer Achtstundenschicht in der Pastetenfabrik. Die Huppert scheint ein Kraftfeld zu umgeben, nach dem sich das Bild ausrichtet, sorgfältig konstruiert vom belgischen Regisseur Defurne, der als Ausstatter für Peter Greenaway gearbeitet hat und dessen Blick auf Weiblichkeit in einer etwas kühleren Spielart an den Spanier Almodóvar erinnert. So entsteht ein Schutzraum um den noch immer schönen Körper der fast 65-jährigen Hauptdarstellerin, beglaubigt durch den begehrenden Blick des jungen Boxers. Und die ältere Frau schaut zurück, ebenfalls fasziniert vom tätowierten Bizeps und den knackigen Arschbacken. Ihr gutes Recht und ein zwar unbeabsichtigter, aber gut geführter Seitenhieb auf die moralische Schnappatmung, in die Teile der Öffentlichkeit angesichts des Ehepaars Macron verfallen sind.

Auf der Bühne tritt Liliane als Laura in den alten Kleidern auf

„Ein Chanson für Dich“ vermittelt viel über seine Bildgestaltung, über Räume und Ausstattung: die Kühle der Pastetenfabrik, die provinzielle Granzdezza des Konzertsaals, der proletarische Boxclub, vor allem aber Lilianes Wohnung. Sie ist die Vitrine eines biografisch und historisch vergangenen Lebensstils, mit Sitzlandschaften, weißem Flügel und Bar- Schrank, alles in der mutwilligen Eleganz der späten Siebziger. Auf der Bühne tritt Liliane als Laura in den alten Glitzerroben auf, die noch immer passen. Auch die alten Gesten zeigt sie noch, die anders gekünstelt sind, als sie es heute wohl wären.

Die Dinge erzählen diskret, um eine psychologische Entblößung der Figuren geht es hingegen nicht. Dass Jeans Vater jahrzehntelang eine erotisch-musikalische Begeisterung für Laura pflegte und nun zwischen Stolz und Eifersucht schwankt, wird so zu einem ödipalen Element des emotionalen Gesamtdekors, nicht zum Konflikt. Am Ende schließt sich die Fahrstuhltür wie der Vorhang nach dem letzten Akt. Es ist vorbei. Der Film hat es von der ersten Pastete an gewusst.

Bundesplatz-Kino, Cinemaxx Potsdamer Platz, Filmkunst 66, Tonino, OmU: Bundesplatz-Kino, Cinema Paris, Hackesche Höfe, Xenon

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