Film: El Viaje : Rodrigo González auf musikalischer Spurensuche

Der Bassist von Die Ärzte, Rodrigo González, erkundet in Chile seine musikalischen Wurzeln. Seine Eltern wurden vom Pinochet-Regime mit dem Tode bedroht.

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Rodrigo Gonzalez und der chilenische Sänger Chinoy
Rodrigo Gonzalez und der chilenische Sänger ChinoyFoto: Verleih

Es hat wohl mit dem Alter zu tun, vielleicht gar mit einer in diesem Fall besonders gelungenen Integration, dass der Ärzte-Bassist Rodrigo González hier das erste Mal seinen genuinen musikalischen Hintergrund erkundet. González, 1968 im chilenischen Valparaíso geboren, kam mit sechs Jahren nach Hamburg. Seine Eltern wurden vom Pinochet-Regime mit dem Tode bedroht, weil sie in dem linken Wahlbündnis Unidar Popular aktiv waren. „Momentaufnahmen und verschwommene Bilder“ seien ihm geblieben, sagt González zu Beginn von Nahuel Lopez’ Dokumentation „El Viaje“, die ihn auf seiner Reise nach Chile zeigt, vor allem aber „der Canto Nuevo, die chilenische Musik“.

Zunächst besucht der Ärzte-Musiker seinen Vater Cesar in Hamburg, der ihm von dem enorm einflussreichen, von Pinochets Schergen ermordeten Sänger und Theaterregisseur Victor Jara erzählt („40 Kugeln sind nicht wenig, eine hätte gereicht“), dann landet González in Santiago de Chile. Er trifft Musiker wie Aldo Asenjo, genannt Macha, dem Mastermind der Nueva-Cumbia-Band Chico Trujillo, den jungen Liedermacher Chinoy und Camila Moreno, eine der bekanntesten chilenischen Sängerinnen, die 2009 mit ihrem Song „Milliones“ für einen Grammy nominiert wurde.

González trifft Macha, Chinoy und Camila Morena

„El Viaje“ ist eine Art Stationen-Film, ein zunächst nicht besonders spektakuläres Roadmovie, in dem sich González angenehm zurückhält. Er hört den chilenischen Musikern zu und lässt sich etwa von dem sympathisch durchgeknallten Macha erzählen, dass man die Freiheit haben müsse, „den Scheiß einfach zu machen“, und sie beide seien alt geworden, „alt und am Arsch“. Camila Morena erklärt ihm, von Nico, PJ Harvey und Sinead O’Connor beeinflusst worden zu sein und sich „nicht als Chilenin, sondern als Mensch“ zu fühlen. Und Eduardo Carrascol, Philosphieprofessor und Gründer der Folkband Quilapayún, nennt die chilenische Musik eine Art Synthese aller lateinamerikanischen Stile.

Zunächst mutet das wie ein bunter Streifzug durch die aktuelle und frühere chilenische Musikszene an, mit netten Einschüben; so besucht González in der Hafenstadt Valparaíso eine charmant heruntergekommene Punk-WG, was ihn an seine Zeit in Barcelona in den Achtziger Jahren und später in West-Berlin erinnert. Bald aber folgt der Film einer eher politisch-historischen Fährte, von der anfangs schon die Dokumentaraufnahmen vom brennenden Moneda-Palast künden. Wer im Chile der Gegenwart unterwegs ist, muss sich mit den Ereignissen von 1973, rund um den Sturz des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende, auseinandersetzen. Noch immer wird das Land davon beherrscht, trotz aller demokratischen Errungenschaften, trotz allen Wohlstands.

Der Film zeigt, wie politisch der Canto Nuevo ist

Mit dem Liedermacher Eduardo Yañez geht González ins Nationalstadion, in dem 1973 gefoltert und gemordet wurde – heute erinnert daran eine Ausstellung in der früheren Umkleidekabine. Immer wieder murmelt Yañez „unfassbar“ oder „Ach, du Scheiße“ vor sich hin. Im äußersten Süden des Landes wiederum, in Patagonien, trifft der Ärzte-Musiker den jungen Singer/Songwriter Alonso Nuñez, der ihm von sozialen Protesten erzählt („alles ist hier doppelt so teuer wie in Santiago, alles ist in der Hand der Lachsfarmen“) und von deren brutaler Niederschlagung durch die Polizei.

Rodrigo Gonzales und Eduardo Yanez auf der Tribüne des Nationalstadions in Santiago de Chile
Rodrigo Gonzales und Eduardo Yanez auf der Tribüne des Nationalstadions in Santiago de ChileFoto: Verleih

Nicht zuletzt führt die Reise ins Gebiet der Mapuche, der indianischen Ureinwohner, die von der Regierung als „Terroristen“ bezeichnet werden, weil sie um ihre Rechte und Stammesgebiete und gegen die großen Forstbetriebe kämpfen. „Das war hier alles Naturwald“, sagt ein Mapuche, „jetzt gibt es nur noch Baumplantagen, Kiefern. Wir wollen wieder, was wir hatten.“ „El Viaje“ zeigt in diesen Momenten, wie politisch der Canto Nuevo sein kann, und auch Rodrigo González leuchtet am Ende ein, warum Victor Jara einst meinte, die Gitarre habe „Sinn und Verstand“.

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