Film "Independence Day: Wiederkehr" : Zweite Auswärtspleite für die Aliens

"Independence Day: Wiederkehr" kopiert die Geschichte des Vorgängerfilms von 1996 - computertechnisch aktuell. Doch ein paar bemerkenswerte Abweichungen gibt es schon.

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Liegende Untertasse. Das Alien-Raumschiff, 5000 Kilometer im Durchmesser, verdunkelt den Atlantik.
Liegende Untertasse. Das Alien-Raumschiff, 5000 Kilometer im Durchmesser, verdunkelt den Atlantik.Foto: Fox

Als „Independence Day“ am Vorabend des amerikanischen Unabhängigkeitstags 1996 ins Kino kam, meldete sich der große Steven Spielberg mit einem feinsinnigen Kompliment zu Wort: „Ich würde nicht im Traum daran denken, einen Film mit bösartigen Aliens zu machen. Aber ich werde zahlen, um mir diesen hier anzusehen.“ Und kommerziell prognostizierte er für Roland Emmerichs Weltrettungsabenteuer einen Umsatz von 300 Millionen Dollar, „wenn nicht mehr“.

Eine verdammt präzise Prognose war das damals, zumindest für den heimischen Markt. 306 Millionen Dollar spielte die Fox-Produktion in den USA ein, weltweit sollten es 817 Millionen werden. Damit blieb Emmerich zwar um rund 200 Millionen hinter Spielbergs 1993 vom Universal-Studio herausgebrachten Dino-Kracher „Jurassic Park“ zurück, dem ersten Film überhaupt, der je die Kassenklingelmauer von einer Milliarde Dollar durchbrach. Spielbergs Fortsetzung „The Lost World: Jurassic Park“ aber, ein Jahr nach „Independence Day“ gestartet und mit 618 Millionen in den ewigen intergalaktischen Kontobüchern verzeichnet, ließ der schwäbische Blockbuster-Lieferant locker hinter sich.

Duell der Dukatenesel

Aus diesem Duell der in ihrer Budgetverwaltung stets sparsamen Dukatenesel Hollywoods ist Steven Spielberg längst ausgestiegen. Die beteiligten Studios allerdings kämpfen ihren Sternenkrieg weiter. Wie lukrativ sich auch Oldie-Hits, sofern frisch poliert, resteverwerten lassen, machte Universal letztes Jahr mit „Jurassic World“ vor: knapp 1,7 Milliarden Dollar Umsatz, Platz vier auf der Weltbestenliste der Einzeltitel. Seit knapp drei Wochen nun läuft Roland Emmerichs „Independence Day: Wiederkehr“ weltweit im Kino – und hat bei einem Budget von 165 Millionen Dollar vergleichsweise magere 300 Millionen eingespielt. Deutschland, traditionell amerikanischer Massenware höchst zugetan, ist spät dran, dürfte an dem Image des gefühlten Flops, das dem Fox-Film bereits anhaftet, allerdings kaum mehr kratzen können.

In dem späten Sequel regiert, reichlich erbarmungslos, das Prinzip der narrativen Wiederholung – und damit die qualitative Ideenarmut so wenig wie möglich auffällt, wird quantitativ geklotzt. So hat das Alien-Mutterschiff, das den Schutzschild des von der Vereinten Welt nach der letzten Schlacht errichteten planetaren Satellitenkranzes mitsamt Mondbasis ausschaltet, 5000 statt 500 Kilometer Durchmesser und verdunkelt nun den gesamten Atlantik. Zugleich wird das Personal der identifikationsstiftenden Erdlinge bis zur vollendeten Unübersichtlichkeit aufgestockt: Die Helden von damals wollen reanimiert sein, hinzu kommt eine nachgewachsene Generation von Bodenkriegern und Kampfpiloten. Ansonsten: noch mehr Lärm durch Gebrüll, Detonationen und bombastische Filmmusik. Und ein sonderbares Wunder: Der Film ist 33 Minuten kürzer als sein Vorgänger, wirkt aber um Stunden länger.

Technisch neu in dieser exakt zweistündigen Materialschlacht, bei der beträchtliche Teile des Planeten Erde mal eben hopsgehen, ist die totale Digitalisierung all jener Sequenzen, für die man keine Schauspielergesichter braucht. Vor 20 Jahren arbeitete Emmerich, damals noch ohne Befehlsgewalt über Armeen von „Visual Artists“, mit Modellen und Puppenfiguren, die kunstvoll zur Explosion gebracht wurden. Der Fortschritt in der Ertüftelung artifizieller Bilder dürfte jedoch ein Publikum, das an computergenerierte Zerstörungsorgien längst gewöhnt ist, nur bedingt beeindrucken. Was also bleibt an divergierender Substanz in dieser Geschichte, die den Angriff der Aliens und deren finale Niederlage im Wesentlichen schlicht recycelt?

Immerhin das zwangsläufige Veteranentreffen hat – teils unfreiwillig – humoristischen Charme. Bill Pullman, der einst als jungenhafter Präsident Whitmore die einpeitschende Schlachtrede hielt und selbst in die Pilotenkanzel stieg, macht sich als von Alien-Albträumen geplagter Zottelbart umständlich wieder gefechtsbereit. Jeff Goldblum, ehedem vom Fernsehtechniker zum Weltenretter aufgestiegen und mittlerweile Chef der globalen Alien-Abwehr, hat eine amouröse Vergangenheit mit einer bizarr durchs Geschehen tapernden Psychologin (Charlotte Gainsbourg). Und Brent Spiner, als Cheflaborant Brackish Okun zuständig für Forschungarbeiten im geheimen Alien-Aquarium „Area 51“ und damals im Getümmel verstorben, erwacht pünktlich aus dem Koma – so gaga wie der 81-jährige Judd Hirsch, der einen Schulbus voller Kinder über einen Salzsee steuert und den heranhetzenden Aliens, Überraschung!, knapp entkommt.

Geriatrische Kapriolen, farblose Jugend

Angesichts solch geriatrischer Kapriolen hat es die Jugend schwer. Liam Hemsworth („Die Tribute von Panem“) und Jessie Usher (er gibt den Sohn des einst von Will Smith verkörperten afroamerikanischen Helden) reifen nach anfänglicher Feindschaft zum eher blässlichen Pilotengespann. Dienstlich werden sie eskortiert von einem netten weißen Milchgesicht (Travis Tope) und einer so taffen wie niedlichen Asiatin (Actionfilmstar Angelababy aus Hongkong), die zusammen mit Commander Jiang (Chin Han) das wiederaufbereitete Globalprodukt für den potenten chinesischen Markt erschließen soll.

Keine Frage, hier ist – geschäftlich – derart an alles gedacht worden, dass auch womöglich unwillkommener Subtext durchschlüpft. Zum Beispiel dieser: Frauen in Führungspositionen? Besser nicht. Die amtierende Präsidentin (Sela Ward), verhaltensauffällig vor allem durch Oneliner wie „Wir brauchen dringend einen Lagebericht“, wird kurzerhand letal entsorgt, als die Schlacht gegen die Außerirdischen verloren zu gehen droht; den Job übernimmt besser ein Haudegen in Uniform. Auch das Böse ist im tiefsten Kern weiblich: Im Innersten des feindlichen Riesenraumschiffs sitzt die durch allerlei Schutzschilde gepanzerte Bienenkönigin des Alienstaates. Zu gegebener Zeit wird sie so massiv unter Feuer genommen, dass sich im Erdlingszuschauerherzen so etwas wie Mitleid zu regen beginnt.

Eine rührende Utopie

Im Übrigen bleibt „Independence Day: Wiederkehr“, wie der Vorgänger, eine geradezu rührende Utopie. Im Ur-Film mahnte der Präsident noch durchaus zeitgenössisch: „Wir können nicht mehr zulassen, dass kleinliche Konflikte uns aufzehren, unser gemeinsames Interesse verbindet uns.“ In den zwei Jahrzehnten, die die beiden Filmerzählungen voneinander trennen, herrschte Friede auf Erden, und vermutlich beförderte er die nun erneut von Amerika angeführte Weltrettung. Draußen im Menschenleben dagegen sind Aliens längst überflüssig: Die – politische, soziale, ökologische – Zerstörung unseres Planeten besorgen wir schon ganz allein.

Ab Donnerstag in 24 Kinos. Originalfassung im Alhambra, Neukölln Arcaden, Colosseum, Cinestar SonyCenter und Zoo Palast

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'Independence Day: Resurgence' feiert Premiere in Hollywood
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