Film "Kind 44" : Vorwärts in den Kalten Krieg

Verboten in Russland: der KGB-Thriller „Kind 44“ mit Tom Hardy und Noomi Rapace.

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Gary Oldman (l) als General Nesterow und Tom Hardy als Leo Demidow in einer Szene des Kinofilms "Kind 44"
Gary Oldman (l) als General Nesterow und Tom Hardy als Leo Demidow in einer Szene des Kinofilms "Kind 44"Foto: dpa

„Du weißt doch, im Paradies kann es keinen Mord geben“, bekommt der geheimpolizeiliche Ermittler Leo Demidow (Tom Hardy) immer wieder zu hören. Mit „Paradies“ ist die Sowjetunion des Jahres 1953 gemeint, in der Mord als „kapitalistische Krankheit“ definiert wird – im Sozialismus ist sie selbstverständlich längst überwunden.

Leo kennt die Spielregeln und hat es im stalinistischen System weit gebracht. Vor der Hungersnot in der Ukraine ist er 1932 als Kind aus dem Waisenhaus geflohen, wurde von einem sowjetischen Soldaten adoptiert und avancierte im „Großen Vaterländischen Krieg“ zum fotogenen Helden, der die rote Fahne 1945 auf dem Dach des Berliner Reichstages schwingt. Die militärischen Verdienste haben ihm und seinen Kriegskameraden einen Job beim MGB (dem KGB-Vorläufer) gesichert.

Als versierter Ermittler, der die Feinde des Sozialismus unnachgiebig aufspürt, hat sich Leo profiliert, aber vor der Paranoia des Stalinismus ist auch er nicht sicher. Als seine Frau Raisa (Noomi Rapace) ins Visier des Geheimdiensts gerät, soll ausgerechnet Leo sie auf Befehl seines Vorgesetzten (Vincent Cassel) überführen und denunzieren. Gleichzeitig übernimmt er die Ermittlungen im Fall eines ermordeten Jungen. Obwohl hier möglicherweise ein Serientäter am Werk war, soll die Angelegenheit zu den Akten gelegt werden. Leo aber verweigert den ehelichen Verrat und die Vertuschung des Kindermordes und wird so vom Verfolger zum Verfolgten des Regimes.

Ridley Scott wollte den Film ursprünglich drehen

Ursprünglich hatte Ridley Scott die Rechte an Tom Rob Smith’ Bestseller „Kind 44“ erworben und wollte selbst die Regie für die Filmadaption übernehmen. Kein Wunder, dass der bekennende Gigantomane von dem Stoff fasziniert war. Smith hat seinen Roman als Kreuzung zwischen der historisch-epischen Breite eines „Doktor Schiwago“ und dem Nervenkitzel eines modernen Serienkiller-Thrillers angelegt – eine durchaus gewagte Verbindung, die auf der Leinwand schwer zu bändigen ist. Scott hätte man ein solches Dompteur-Ding zugetraut; der schwedische Regisseur Daniel Espinosa („Safe House“) aber tut sich schwer, das vielschichtige Handlungsgefüge in eine schlüssige Filmdramaturgie zu übersetzen.

Paar in Gefahr. Raisa (Noomi Rapace) und ihr Mann Leo (Tom Hardy). Foto: Concorde
Paar in Gefahr. Raisa (Noomi Rapace) und ihr Mann Leo (Tom Hardy). Foto: ConcordeFoto: dpa

So versandet mancher vielversprechende Subplot, und psychologische wie politische Implikationen verkümmern zu oberflächlichen Andeutungen. Schade, denn die Wandlung des Protagonisten vom Diener des totalitären Systems zum verfolgten Verbrechensbekämpfer birgt viel Reiz – zumal sie sich eher aus unterbewussten Impulsen denn aus plakativen Schlüsselerlebnissen speist. Tom Hardy aber kann unter der fahrigen Regie seine Kapazitäten kaum entfalten, und auch Noomi Rapace hat als Frau, die in einer Ehe des Misstrauens gefangen ist, in der sprunghaften Erzählung zu wenig Handlungsspielräume.

Alles andere als ein Kuschelzoo

Allzu bruchlos schließt sich Espinosa in der düsteren Opulenz, mit der er die Sowjetunion der fünfziger Jahre in Szene setzt, den Genretraditionen des Spionagethrillers der Kalten-Kriegs-Ära an. Auch wenn die UdSSR unter Stalin alles andere als ein Kuschelzoo war, wäre aus der historischen Distanz ein nuancierteres Herangehen zu erwarten gewesen.

Nichts allerdings rechtfertigt das Aufführungsverbot, das das russische Kulturministerium über „Kind 44“ verhängt hat. In einer Medienkampagne wurden dem Film russophobe Tendenzen unterstellt. Stalins Sowjetunion werde vorgeführt „wie Mordor und ihre Bewohner wie dreckige, unmoralische, feige Orks“, schrieb die Zeitung „Kultur“. Die Überempfindlichkeit dürfte jedoch auch andere Ursachen haben: In der Rahmenhandlung wird auf den „Holodomor“ verwiesen – eine Hungersnot, die Anfang der 1930er Jahre Millionen in der Ukraine das Leben kostete und von der dortigen Regierung als gezielter Völkermord durch das Stalin-Regime betrachtet wird. Auf derlei historische Verweise reagiert man in Moskau angesichts des aktuellen Konflikts äußerst pikiert – und beschwört gerade dadurch Vergleiche zwischen stalinistischer und putinesker Paranoia herauf.

In Berlin in 18 Kinos; OV im Cinestar

Sony-Center, Odeon und Rollberg; 

OmU in der Kulturbrauerei

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