Film : Polarkreise der Seele

Zwischenweltbilder: Er war der Meister der Langsamkeit, der Zelebrator des 360-Grad-Schwenks, der Weltmeister der Plansequenz. Zum tragischen Tod des großen griechischen Regisseurs Theo Angelopoulos.

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Szene aus Angelopoulos' Film „Die Ewigkeit und ein Tag“ (1999) mit Bruno Ganz.
Szene aus Angelopoulos' Film „Die Ewigkeit und ein Tag“ (1999) mit Bruno Ganz.Mit freundlicher Genehmigung von www.trigon-film.org

Was für ein lauter, oberflächlich dramatischer Tod, der so gar nicht zu diesem inwendig glühenden Leben passen will. Aber wann passt ein Tod schon zum Leben? Mit fast boulevardesker Präzision verbreiteten die Agenturen am Mittwoch die Nachricht, der 75-jährige Theo Angelopoulos sei am Dienstagmittag in Piräus bei Dreharbeiten zu seinem Film „Das andere Meer“ beim Überqueren der Straße von einem Motorrad erfasst worden und „nach dem Aufprall in einen vier Meter tiefen Schacht gestürzt“. Am Abend sei der Regisseur in einem Krankenhaus seinen schweren Verletzungen erlegen.

Eine Action-Szene. Absurd. Ja, es gibt Szenen der Gewalt im kohärent sich entfaltenden Werk des Regisseurs Theo Angelopoulos, aber die Gewalt spiegelt sich eher in Gesichtern, in der Summe ihrer Leiden, als dass sie sichtbar ausbräche, gar mit Lust auf Effekt. Ja, es gibt darin sogar Motorradszenen, aber sie sind choreografisch, symbolisch, überhöht wie so vieles in seiner Kopfinnenwelt – etwa jene Szene in Angelopoulos’ nunmehr letztem vollendeten Film „The Dust of Time“ (2009), in der Motorradfahrer behutsam einen leblos am Boden liegenden Körper umrunden. Und war nicht Bruno Ganz als sterbender Dichter in „Die Ewigkeit und ein Tag“, für den Angelopoulos 1998 in Cannes endlich, endlich die Goldene Palme erhielt, sogar mitten auf den Fahrbahnen der Metropole Thessaloniki herumgeirrt – nur war es früher Morgen und die Stadt menschenleer?

Ein irrer Cut für den Meister der Langsamkeit. Für den Zelebrator des minutenlangen 360-Grad-Schwenks, für den Weltmeister der langen Plansequenz. Kam nicht sein vorletzter Film „Die Erde weint“ mit sagenhaften 340 Einstellungen in 170 Minuten aus? Man raunt sich jetzt diese Zahlen zu, unter Eingeweihten, die diesem Solitär der Filmgeschichte bis zum Ende die Treue hielten. Man erinnert sich, angesichts seiner majestätisch anhebenden und verebbenden Bildsinfonien, an Trancezustände vor der Riesenleinwand, wie es sie vorher ähnlich nur bei Tarkowski und Antonioni gab. Und heute allenfalls noch, und was für ein Glück, bei Sokurow. Ins Kino gehen wie in einen Zwischenzustand zwischen Tod und Leben, zu Hause sein bei Leuten, die von eben diesen Zwischenzuständen zu wissen scheinen.

Die Helden des Theo Angelopoulos sind Verlorene, von Anfang an. Sie kehren zurück von weither, aus fremden Kontinenten und nach Jahrzehnten, in etwas, das ihre Heimat war, und sie gehören nicht mehr dazu. Aber haben sie jemals irgendwo dazugehört? Schon in seinem Erstling „Rekonstruktion“, den Angelopoulos erst mit knapp 40 Jahren drehte, kehrt ein Mann zurück, aber seine Frau – Eleni heißt sie wie die Heldin seiner letzten, nun unvollendet bleibenden Trilogie – liebt einen anderen. Es endet schlimm. Immer endet es schlimm für die verstörend verstörten Figuren der Angelopoulos-Filme, ob sie von eigener Hand umkommen oder auch nicht. Und wenn es nicht tödlich ausgeht, so geht es hinaus ins kalte, neblige, weltenendenah verregnete Offene.

Angelopoulos’ Griechenland, und er hat seine universellen Schmerzensdramen fast ausschließlich in der Heimat gedreht, ist eine Landschaft, wie sie an Polarkreisen der Seele gedeiht: kühl, nass, dunkel. Und wenn es jetzt heißt, sein letzter Film habe die griechische Staatsfinanzkatastrophe zum Thema gehabt, so kann das nicht mehr als eine grotesk verkürzte Pointe sein. Denn die Fantasiewelt dieses Regisseurs, so sehr sie sich an den Großachsen der griechischen Geschichte des 20. Jahrhunderts orientiert, ist thematisch und formal grenzenlos. So wie unglückliche Heimkehrer, Migranten und Flüchtlinge sie durchströmen, so kann der Blick aus einem Fenster mühelos in ein anderes Land, eine jahrzehnteferne Zeit gehen. Ein gutes Dutzend Werke hat dieser große Autorenfilmer der Nachwelt hinterlassen, und ihre Heimat heißt: Immer und Überall.

Schon die Anfänge des Theo Angelopoulos verraten Ruhelosigkeit. Und Kompromissfeindschaft. Jurastudium in Athen: abgebrochen. Literaturstudium an der Sorbonne: abgebrochen. Wechsel zur Pariser Filmhochschule IDHEC – und Rausschmiss nach einem Jahr, weil Angelopoulos, so die Legende, sich weigert, eine Sequenz in mehrere Einstellungen aufzulösen. Sein erstes Groß-Epos „Die Wanderschauspieler“ (1975), in dem er die Liebesnöte einer Provinztingeltruppe mit 15 Jahren griechischen Geschichtsnöten in Faschismus und Bürgerkrieg verschränkt: stolze 230 Minuten lang. Und erst sein Wutanfall, weil es 20 Jahre später in Cannes für den meisterlichen „Blick des Odysseus“, die Liebeserklärung an die Frühzeit des Kinos und die Hasserklärung an die neuesten kriegerischen Balkanzerfetzer, nur den Großen Jurypreis gab!

Die besten Schauspieler der Welt hat Theo Angelopoulos in sein gewaltiges, auch am Ende noch imponierendes, aber immer hermetischeres Universum gezogen: erst Marcello Mastroianni – „Der Bienenzüchter“ (1986) war eine seiner anrührendsten Altersrollen –, dann Harvey Keitel im „Blick des Odysseus“ und zuletzt Bruno Ganz, Irène Jacob und Michel Piccoli. In „The Dust of Time“ stehen sie einmal minutenlang beschäftigungslos auf den Stufen des Berliner U-Bahnhofs Wittenbergplatz herum, auf ein irgendwie fuchtelndes Pathos angewiesen – so verloren wie damals wohl auch ihr Regisseur im Spiegelkabinett der Selbstzitate. Aber was zählt das von heute an, wo die Reise nur mehr zurück in ein Gesamtwerk geht?

Menschen mit Nahtoderfahrung berichten, in diesen Augenblicken zögen Szenen des Lebens im Zeitraffer vorbei. Das Kino hat jene Vorstellung immer wieder in Bilder zu fassen gesucht. Vielleicht werden diese Bilder langsamer, wenn man dann unsichtbar, auch das ein geläufiger Jenseitsdeutungsversuch, noch eine Weile unter den Übriggebliebenen herumgeht. Es könnten Bilder sein, wie sie Theo Angelopoulos immer wieder gefilmt hat: ein Haus mit Leuten auf dem Balkon wie in „Die Ewigkeit und ein Tag“, ein Haus, dem sich die Kamera unendlich langsam vom Meer her nähert, vom anderen Meer.

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