Film "Spieltrieb" : Nihil nisi Nietzsche

Gymnasiastenpärchen erpresst Lehrer zum Sex: Das war der Stoff, aus dem Juli Zeh ihren Bestseller "Spieltrieb" bastelte. Nun hat Gregor Schnitzler den Roman - sehr schulklassenbesuchstauglich - verfilmt.

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Schau mir in die Augen, Kleines. Jannik Schümann und Michelle Barthel.
Schau mir in die Augen, Kleines. Jannik Schümann und Michelle Barthel.Foto: Concorde

Als vor neun Jahren der Roman „Spieltrieb“ der eben 30-jährigen Juli Zeh erschien, reagierten die Feuilletons heftig geteilt. Die einen, etwa „Der Spiegel“, rühmten das 560 Seiten umfassende zweite Werk des Literaturwunderfräuleins als „in einer erschreckend genauen, an Robert Musil geschulten Sprache geschrieben“. Die anderen erkannten, wie die „FAZ“, auf „prätentiöse Geschwätzigkeit, mit der Lesefrüchte altkluger Teenager ohne jede ironische Brechung ausgebreitet werden“. Da kann die Wahrheit, wie so meist, nicht in der Mitte liegen.

Der Karriere des Buchs, dessen Protagonisten Schüler und Lehrer eines Bonner Privatgymnasiums sind, hat das kontroverse Echo nicht geschadet. „Spieltrieb“ wurde zum vielfach übersetzten Bestseller und alsbald zur Schullektüre. Nun hat Gregor Schnitzler, spätestens seit „Die Wolke“ (2006) Garant für Schulklassen-Kinobesuchshits, Zehs voluminöses Werk auf Spielfilmkürze getrimmt. Und das wuchernde Gedankenmaterial der Autorin zwar notwendig verschlankt, aber auch substanziell verformt.

Der Kern von Buch und Film: Ada ist die Außenseiterin der Schule, fünfzehn Jahre jung, zwei Klassen hat sie übersprungen und liest lieber Nietzsche, als sich mit den Mode-„Prinzessinnen“ vom Schulhof abzugeben. Neu-Mitschüler Alev, bereits achtzehn und mehrfach sitzengeblieben, ist ein familienbedingt weitgereister Dandy, der im Pete-Doherty-Anzug aufläuft und den Lehrern gern eiskalt in die Parade fährt. Liebe ist es nicht, was zwischen Ada und Alev auf den ersten Blick entsteht, sondern der gemeinsame Spaß am Nihilismus. Bald verführt – Ausgangspunkt einer Erpressung – Ada den Sportlehrer Smutek in der Turnhalle, und fortan muss er jeden Freitag mit ihr auf der Bodenmatte turnen.

Im Buch fotografiert der offenbar impotente Alev die Sexszenen nebenbei zum eigenen Vergnügen, im Film filmt er sie und stellt sie, einstweilen passwortgeschützt, ins schulische Intranet. Das Motiv: purer Spieltrieb. Die Lust, Menschen zu Spielfiguren zu machen. Wo aber Juli Zeh ihr berechnendes Pärchen strukturell fies agieren lässt, bis sich denn doch störende Gefühlsregungen einstellen, ist Schnitzlers Ada von Anfang an jenes „Kleines“, als das Alev sie immerfort bezeichnet. Das verliebte, gelenkte, gegen alle Intelligenzbestien-Papierform bloß Alevs Anweisungen ausführende Püppchen, kaum anders als die Prinzessinnen von nebenan.

Die entsprechend simplifizierte Dramaturgie auf ein einziges Teufelchen nimmt dem Spiel freilich seinen generationenspezifischen gesellschaftlichen Reiz. Statt eines Schülerpaars, das Sex cool antimoralisch einsetzt, um einen Erwachsenen aus purem Jux zu zerstören, verfällt ein braves Girlie seinem öden Bösewicht. Klar, dass die Moralkeule lange schwingt, bevor sie zuschlägt. Insofern ist der Einsatz des Films wohl bereits für die Unterstufe bedenkenlos zu empfehlen.

Was man ansonsten lernt? Kino à la „Spieltrieb“, in Deutschland nicht selten, erledigt die Figurenentwicklung gern im Zeitraffer, setzt aufs visuell Plakative statt auf Psychologie und hat einen ausgeprägten Hang zum „Tatort“-Personal. Maximilian Brückner (als Lehrer Smutek) und Ulrike Folkerts (als Adas Mutter) sind ebenso dabei wie die bereits einschlägig TV-erfahrenen Michelle Barthel (Ada) und Jannik Schümann (Alev). Richy Müller, ebenfalls „Tatort“-Kommissar, ist besonders zu bedauern: Als Lehrer Höfi gibt er ein bucklicht Männlein, humpelnd und am Stock. Zum Trost darf er sich recht bald aus dem Fenster stürzen.
In Berlin im Alhambra, Cinemaxx, Cinemotion Hohenschönhausen, Colosseum, Eastgate, UCI Friedrichshain und Gropius Passagen.

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