Film über Abisag Tüllmann : Mein langsames Leben

1968 und danach: „Die Frau mit der Kamera“ ist eine behutsame Doku über das Werk und das Schaffen der Fotografin Abisag Tüllmann.

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Abisag Tüllmann.
Abisag Tüllmann.Foto: Film Kino Text

Die Stille eines Zimmers. Dass der Mensch nicht mehr zurückkehrt, der darin gelebt hat, macht die Wortlosigkeit sehr mächtig. Die vielen Dinge sind verlassen. Die unter der Last tausender Fotos sich biegenden Regale. Der breite Arbeitstisch. Die Küche mit dem oft benutzten Geschirr. Und trügerisch ist diese Stille auch. Mit einer Bedeutung aufgeladen, die es vielleicht gar nicht gibt.

Als Abisag Tüllmann 1996 in Frankfurt mit 60 Jahren an Krebs starb, betrat eine Freundin die Wohnung der Fotografin und hielt mit ihrer Videokamera fest, was von der Verstorbenen an diesem erloschenen Lebensort übrig geblieben war. Die Freundin war Claudia von Alemann, Filmemacherin. Sie hatte mit Abisag Tüllmann seit den 60er Jahren an derselben feministischen Künstlerfront gekämpft, gemeinsame Projekte waren entstanden, eine Verbundenheit unter Frauen in dem von der Frankfurter Linken politisierten Umfeld. Und so sah es Alemann als ihre Verpflichtung an, dem schweigsamen Wesen ihrer Weggefährtin mit einem Film auf den Grund zu gehen.

Poetischer Blick eines Schwarz-Weiß-Realismus

Gespräche im Freundeskreis, Erinnerungsfetzen lassen behutsam das Bild einer unbeirrbaren Frau entstehen. Unbeirrbar, weil zu langsam für diese Welt und ihre hysterischen Auseinandersetzungen. Zeitlebens war Tüllmann mit quälender Akkuratesse um die richtigen Worte bemüht – in ihrem eigenen Tempo. Nur mit der Kamera schien sie Schritt zu halten und den Ereignissen sogar vorauseilen zu können, was sich bei ihren Aufnahmen von den Frankfurter Studentenunruhen 1968 zeigte. Ihre Fotos von den Vollversammlungen mit Habermas, Adorno, Cohn-Bendit und dem enervierend coolen Sponti-Aktivisten Joschka Fischer sind viel beachtete Dokumente der Zeitgeschichte. Bis zu den Abrissarbeiten der letzten besetzten Häuser in Frankfurt begleitete sie die Aufbrüche der Jugend, der Unangepassten.

Aber machte sie das schon zu einer großen Fotografin? Kolleginnen wie Barbara Klemm waren besser darin, den gesellschaftlichen Schatten hinter den Menschen zu zeigen. Tüllmanns Stärke war der poetische Blick eines Schwarz-Weiß-Realismus. Ihre „feine Art“ (Klemm) ließ sie unbestechliche Bilder von Menschen machen, die in der Welt fremd zu sein schienen. Etwa von einem Arbeiter auf einem Baumwollballen, von Schlafenden in einem Bahnhofssaal, von Nonnen bei einer Prozession, die über eine Mainbrücke ,schweben’. Etliche dieser bezaubernden Aufnahmen zu zeigen, gibt Alemanns Film den Charakter einer Seelenstudie – und zugleich bewahrt er das Rätsel um die „Frau mit der Kamera“, die in ihrem Umfeld oft zu verschwinden schien.

fsk am Oranienplatz

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