Film über die Hasenheide : Im Reich der Bastmattenphilosophen

Fußballer, nackte Sonnenanbeter und ein zahmer Falke: Nana A. T. Rebhan hat ein Filmporträt der Hasenheide gedreht. Mit dem Ergebnis, dass es in der Neuköllner Grünanlage weit mehr gibt als Drogen und Dealer.

David Wagner
In der fünfzig Hektar großen Hasenheide gibt es viel mehr zu sehen als Drogendealer. Nana A. T. Rebhan hat zwei Jahre lang dort gedreht. Das Ergebnis "Berlin: Hasenheide" läuft ab dem 14. Oktober im Moviemento.Weitere Bilder anzeigen
Foto: promo
12.10.2010 12:28In der fünfzig Hektar großen Hasenheide gibt es viel mehr zu sehen als Drogendealer. Nana A. T. Rebhan hat zwei Jahre lang dort...

Gute Neuigkeiten aus Neukölln: Es gibt da einen großen, bisher vor allem als Umschlagplatz weicher Drogen bekannten Park, der eigentlich viel schöner ist, als man bisher angenommen hatte. Und um ihn kennenzulernen, muss man sich dieser Tage gar nicht selbst dorthin begeben und hineintrauen, es reicht, ins Kino zu gehen und sich den Dokumentarfilm „Berlin: Hasenheide“ von Nana A. T. Rebhan anzusehen. Über zwei Jahre hinweg ist die Berliner Regisseurin mit Kamera durch die Hasenheide spaziert – und hat mit ihrem fertigen Film eine neue, sehr bequeme Art der Fortbewegung erfunden: die Kinosesselwanderung, die einmal quer durch diese heute etwa fünfzig Hektar große Grünfläche zwischen Kreuzberg und Neukölln führt.

Nana Rebhahn hat sich vom legendär schlechten Ruf nicht abhalten lassen und ist einfach losgegangen, begleitet nur von einem Tonmann. Gedreht wurde mit eigener Ausrüstung, ohne externe Finanzierung. So filmt sie beispielsweise die Fußballspieler, die sich einmal in der Woche nicht weit von der Stelle treffen, an der Friedrich Ludwig Jahn im Jahr 1811 den ersten Turnplatz Preußens eröffnete. Heute spielen die internationalen, zum größten Teil aus verschiedenen afrikanischen Ländern stammenden Freizeitkicker hier zwischen den aus Mülltonnen improvisierten Toren einen sehr athletischen Fußball. Einer von ihnen erzählt, dass es in den endlosen Diskussionen gegen Ende des oft über drei Stunden dauernden Spiels meist nur darum gehe, wer denn nun die schmutzigen Trikots mit nach Hause nehmen und waschen muss.

Wanderpause an der Hasenschänke, dem Bier- und Fassbrausenmekka der Hasenheide, einem Kiosk, der mit seinem flachen, weit geschwungenen Betondach ein wenig an eine italienische Tankstelle der fünfziger Jahre erinnert. Unter ihm können Parkbesucher auch bei Regen trinken. Und natürlich, das ist ein Topos, behauptet auch der Graffitikünstler, mit dem die Regisseurin hier spricht – er hat die Außenwände der Hasenschänke mit psychedelischen, von Heinrich Zilles Zeichnungen inspirierten Hasen bemalt –, dass Berlin hier noch unverstellter und ehrlicher sei als in den mittlerweile touristisch infizierten Teilen Nordneuköllns.

Die Hasenschänke ist auch Anlaufstelle der Nudisten, die der Film auf einer der nächsten Stationen seiner Wanderung durch die Hasenheide porträtiert. Man glaubt es kaum, aber hier sind erwachsene, gar nicht mehr so junge Männer zu sehen, wie sie riesige, an den Wasserhähnen der Toilettenanlage hinter der Hasenschänke gefüllte Wasserkanister zu ihrem aufblasbaren Planschbecken auf der Nudistenwiese karren. Warum machen die das? Weil man im nahen Columbiabad nicht nackt herumliegen und planschen darf? Oder weil selbst der ermäßigte Eintrittspreis von 2,50 Euro für den Durchschnittsneuköllner nicht gerade wenig ist? Nana Rebhan setzt sich mit der Kamera in der größten Hitze zu den Herren, die da allein, auf einer Bastmatte philosophierend oder in ihrer Planschgruppe ihren Tag herumbringen. Sie lauscht ihren Lebensromanen. Und wie kommt eine Regisseurin mit einer Gruppe nackter, mittelalter Männer ins Gespräch? Kaum hatte sie einen Zettel an einen Baum auf der FKK-Wiese gehängt, standen schon interessierte Nudisten um sie herum und boten sich als Protagonisten an.

Hasen gibt es in der Hasenheide, die der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm I. im Jahr 1678 für die Hasenjagd einzäunen ließ, nicht mehr viele. Stattdessen gibt es Kaninchen, Füchse und einen halb zahmen Falken. Ein Nachfahre des Raubvogels, mit dem der Große Kurfürst auf die Beiz ging? Der Film zeigt, wie der Falke sich von einer Gruppe türkischer Männer mit rohem Fleisch füttern lässt. Die älteren Männer treffen sich regelmäßig im Park, um dort auf traditionellen Instrumenten zu musizieren. Nicht weit von dem Baum, in dem der Falke wohnt, haben sie sich ein Freiluftwohnzimmer eingerichtet. Sie schwelgen in Türkeisehnsucht, die aber, das wissen sie, dort, im gelobten Land der Väter, auch nicht zu stillen wäre. Sie wissen schon, eigentlich sind sie in Berlin-Neukölln zu Hause.

Die Hasenheide hat ein Freiluftkino, eine Minigolfanlage, einen Rosengarten und, großer Treffpunkt, eine Hundewiese. Auf dieser kommt es zum heimlichen Höhepunkt des Films, als sich dort der perfekt getrimmte, schlanke, hochbeinige Barsoi, ein Rassehund mit Stammbaum, der auf den Namen Baya hört (oder eben nicht hört), und Püppi, ein auf der Straße gefundener Mischlingshund, begegnen. Und so, wie die Hunde sich beschnuppern, beschnuppern sich ihre beiden mindestens so verschiedenen Hundehalterinnen. In einem Augenblick von cinema vérité, wie er nie inszeniert werden könnte, beginnen sie, provoziert von der Kamera, ein zauberhaftes Gespräch. Die Szene endet damit, dass die Dame mit dem Barsoi, die man sich wie eine Thomas-Mann-Figur in einem Disney-Film vorzustellen hat, ihren Hund ermahnt, nicht an allem herumzuschnüffeln. Sie meint, das gehöre sich nicht. Wie gut, dass ein junger Migrant sie in perfektem Deutsch darauf hinweist, dass menschliche Verhaltensweisen sich nicht eins zu eins auf Hunde übertragen lassen.

Der Film zeigt, das ist die gute Nachricht aus Neukölln, dass das tägliche Miteinander in Berlin von sehr viel mehr Toleranz geprägt ist, als die tägliche Medienerzählung es einen glauben machen will. Ja, es gibt ein funktionierendes soziales Miteinander, und sogar die Dealer sind hin und wieder freundlich.

Gegen Ende des Films hat auch der dank all der Probleme seines Bezirks bekannteste aller Berliner Bezirksbürgermeister einen kurzen Auftritt. Bei der Grundsteinlegung des Sri-Ganesha- Hindu-Tempels, der in der Hasenheide errichtet wird, lässt Heinz Buschkowsky sich einen Bindi, einen rituellen roten Punkt, auf die Stirn tupfen. Steht ihm eigentlich ganz gut.

Der Film, der einen in eine angenehme Heiterkeit entlässt, hätte noch ein wenig länger sein können – aber vielleicht zeigt gerade das, wie gut er geworden ist. Und wo wäre der ideale Ort, sich diesen Film anzusehen? Nächsten Sommer, im Freiluftkino in der Hasenheide. Wo sonst.

David Wagner lebt als Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschien sein Roman „Vier Äpfel“ (Rowohlt). „Berlin: Hasenheide“ läuft ab 14.10. im Moviemento. Mehr Infos unter www.hasenheidefilm.de.

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