Film über Stephen Hawking : Die Liebesformel

Der gelähmte Physiker Stephen Hawking ist für seine Bücher weltberühmt. Nun leuchtet ein Film sein privates Leben aus. „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ von James Marsh ist eine Hymne auf die aufopferungsvolle Liebe.

Paul Janositz
Happy Beginning. Stephen Hawking (Eddie Redmayne) und seine Jane (Felicity Jones).
Happy Beginning. Stephen Hawking (Eddie Redmayne) und seine Jane (Felicity Jones).Foto: Universal

Stephen Hawking rennt über den Campus von Cambridge. Er stolpert. In Großaufnahme knallt der Kopf auf die Steinplatten, federt hoch und prallt zurück. Im Krankenhaus die schreckliche Diagnose: Amyotrophe Lateralsklerose (ALS). Eine Nervenkrankheit, die Neuronen zerstört, Signale zwischen Gehirn und Muskeln unterbricht. Gehen, Sprechen, Schlucken, Atmen sind gestört. Die Muskeln werden schwächer und schwächer, bis zur völligen Lähmung. „Und das Gehirn?“, flüstert der 21-jährige Physiker. „Das bleibt intakt“, sagt der Arzt. Welch ein Trost: So kann Hawking immerhin seine Doktorarbeit vorantreiben. Doch die sich anbahnende Beziehung zu der Romanistikstudentin Jane Wilde will er beenden, schließlich hat ihm der Arzt nur noch zwei Jahre Lebenszeit zugestanden.

Diese Prophezeiung hat Hawking mittlerweile um fast 50 Jahre überlebt, Jane hat er geheiratet, sie haben drei Kinder bekommen und sich nach 25 Jahren Ehe scheiden lassen. Vom Anfang und vom Ende dieser Beziehung erzählt der Film „Die Entdeckung der Unendlichkeit" – was insofern verblüfft, als man angesichts des berühmten Protagonisten nicht eben eine Liebesgeschichte erwartet. Eher ein erhellendes Porträt über den „Popstar der Wissenschaft“, der durchaus auf den bunten Seiten auftaucht und gerne Stippvisiten in TV-Serien macht.

Regisseur James Marsh – der Brite gewann mit „Man on Wire“, der Doku über einen Hochseilartisten, 2008 einen Oscar – verbindet, prächtig unterstützt von Hauptdarsteller Eddie Redmayne, beides mit leichter Hand. Ron Howards Spielfilm „A Beautiful Mind“ über den an Schizophrenie leidenden Mathematiker und Nobelpreisträger John Nash, Oscar-Hit des Jahres 2001, war da wesentlich spröder geraten.

Der Nobelpreis fehlt Stephen Hawking bis heute, doch auf dem „Lucasischen Lehrstuhl für Mathematik", den schon Isaac Newton innehatte, saß der gelähmte Physiker jahrzehntelang. Er schrieb Bestseller über Anfang und Ende des Universums, über Relativitätstheorie und Schwarze Löcher. Millionen haben „Eine kurze Geschichte der Zeit“ oder das „Universum in der Nussschale“ gelesen – beide populärwissenschaftlich geschrieben und doch schwierig zu verstehen. Liefert der Film nun grundlegende Einsichten über Hawkings bahnbrechende kosmologische Erkenntnisse, wie es der Titel suggeriert? Themen wie Zeitreisen oder die Suche nach einer Weltformel bleiben Beigaben zur berührenden Handlung, basierend auf Jane Hawkings Memoiren über ihr Leben mit Stephen, beginnend im Cambridge der 60er Jahre.

Hawkings derzeitiger körperlicher Zustand ist wegen seiner medialen Präsenz wohlbekannt – schmächtig, schief im Rollstuhl sitzend, den bebrillten Kopf schräg ans Polster gelehnt, das Gesicht zur Grimasse verzerrt. Redmayne verkörpert das perfekt. Umso überraschender ist es da, zunächst einen redegewandten, wenn auch scheuen jungen Mann zu sehen, der mit seiner Balldame über die Zeit und das Universum plaudert und verliebt unterm Sternenhimmel tanzt. Auch nach der fatalen Diagnose gibt der talentierte Physiker seinen eigenen Takt vor, im Hörsaal und zu Hause. Helfen lässt er sich nur ungern. Gegen den körperlichen Zerfall setzt er Witz und Willenskraft. So kriecht er quälend langsam die Treppe hoch zu seinem Baby im Laufgitter. Dann zwingt ihn die Krankheit, sich füttern, waschen und windeln zu lassen. Aber am Bild einer normalen Familie hält der Astrophysiker so lange wie möglich fest.

Das funktioniert nur, weil sich Ehefrau Jane völlig als Pflegerin, Hausfrau und Mutter verausgabt. In dieser Rolle ist Felicity Jones ihrem Partner schauspielerisch ebenbürtig. Sensibel verkörpert sie die energische Frau, die sich für das Leben mit einem offenbar todgeweihten wissenschaftlichen Genie entschieden hat. „Ich liebe ihn, und er liebt mich“, sagt sie, als Stephens Vater ihr nach der Diagnose die Trennung nahelegt. „Er wird leben“, sagt sie Jahre später, als wegen Hawkings Lungenentzündung die Frage im Raum steht, ob das Beatmungsgerät abgestellt werden soll. Ihr Mann überlebt, verliert aber die Stimme, ein Sprachcomputer muss her, zu bedienen mit dem Zucken von Wangenmuskeln. Elaine, die rothaarige Pflegerin, hilft ihm dabei. Sie lacht gern – und gibt später den Anlass für die Trennung der Hawkings.

Jane wendet sich nun Jonathan (Charlie Cox) zu, dem Kirchenchorleiter. Der Witwer bewährt sich bei der Kinderbetreuung und bei Stephens Pflege, bis Janes Mutter nach der Geburt des dritten Kindes die Frage nach dem Erzeuger stellt. Jonathan läuft weg, nicht ohne Jane seine Liebe zu offenbaren. Jane erwidert seine Gefühle, ohne dies zunächst auszuleben. Voraussetzungen für ein konventionelles Liebesdrama wären dies, aber angesichts von Hawkings körperlichem Zustand bleibt das zweitrangig. Der Film hält sich, eine verdoppelte Hymne, an die unermessliche Energie dieses ungewöhnlichen Wissenschaftlers und an die Bewunderung für die Frau, die 25 Jahre lang an seiner Seite blieb.

Ab Donnerstag, 25. 12., im Kino

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