Film "Unter dem Sand" : Keine Zeit für Selbstmitleid

Das harte Drama „Unter dem Sand“ erzählt von jugendlichen deutschen Soldaten, die nach dem Zweiten Weltkrieg an Dänemarks Stränden Minen beseitigen müssen.

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Der deutsche Kriegsgefangene (Louis Hofmann) und sein Antreiber (Roland Møller).
Der deutsche Kriegsgefangene (Louis Hofmann) und sein Antreiber (Roland Møller).Foto: Camilla Hjelm/Koch Films

Gibt es etwas vom Krieg, über das wir Krieglosen noch nichts wissen? Vom letzten Weltkrieg oder von jedem Krieg. Dass er die Menschen roh und rücksichtslos macht. Dass er sie kleinkriegt und zu Wesen werden lässt, die sich in ihrer Brutalität selbst fremd werden. Und dass es niemals gut ausgeht.

Deshalb gehen Kriege nicht einfach zu Ende, nur weil niemand mehr schießt. Für eine kleine Gruppe junger Wehrmachtssoldaten, halbe Kinder noch, die als Kriegsgefangene in Dänemark bleiben müssen, dazu ausersehen, die Weststrände des Landes von 2,2 Millionen Landminen zu befreien, heißt das, erst heimkehren zu dürfen, wenn diese Arbeit getan ist.

Hitlers letztes Aufgebot soll dessen Kriegserbe aufräumen – symbolischer geht es kaum als in „Unter dem Sand“ des dänischen Regisseurs Martin Sandvliet. Die überlebenden Jungs aus Bernhard Wickis Durchhalte-Epos „Die Brücke“ könnten geradewegs in dieses mörderische Nachkriegsdrama weitergezogen und auf den Schindergeist der „Brücke am Kwai“ getroffen sein. Soldaten, die etwas bewerkstelligen sollen, das ihre Fähigkeiten übersteigt, darum geht es auch in dieser Version des teuflischen Abzählreims, der aus abgemagerten, verdreckten Burschen bloß Kandidaten für den nächsten fatalen Knall macht ... und raus bist du.

Entschärfungstechnik: Kappe abdrehen, Zündkapsel herausziehen, fertig

Es ist eine nervliche Qual, die blassen Volkssturmknaben mit den gefährlichen Tretminen hantieren zu sehen. Als wären sie nicht schon von Hitlers Unrechtsregime in aussichtslose Schlachten geschickt worden. Die geringste Unachtsamkeit würde den Tod bedeuten. Sie werden nur kurz von einem dänischen Offizier in Entschärfungstechniken unterwiesen. Kappe abdrehen, Zündkapsel herausziehen, fertig.

Dann soll jeder von ihnen sich eine der Tellerminen nehmen, um sie in einem Bunker zu entschärfen. Nach der zynischen Logik solcher Dramaturgien wird es einen von ihnen zerfetzen.

Es gibt in dem Kommando ein Zwillingspaar. Die beiden – wunderbar dünnwandig verkörpert von Emil und Oskar Belton – reden davon, Maurer werden zu wollen, weil Deutschland nun wieder aufgebaut werden müsse. Aber vor allem sind die 15-Jährigen auf eine Weise unzertrennlich, durch Bande aufeinander bezogen, die nicht einmal der Krieg hat beschädigen können. Aus dem Bunker kommen sie heil wieder heraus, aber welche Chance kann man ihrem Wohlergehen geben?

Regisseur Martin Zandvliet, der auch das Drehbuch geschrieben hat, eröffnet seinen Film mit einem Atemgeräusch, dem schnaubenden Ein-und-Aus eines Mannes in einem geparkten Armeejeep. Der dänische Feldwebel Carl Rasmussen bebt innerlich, als er die Kolonne deutscher Soldaten im Mail 1945 an sich vorüberziehen sieht. Einem, der eine dänische Flagge als Souvenir unter dem Arm trägt, prügelt er die Visage blutig. Außer seinen Hund scheint er niemanden zu mögen. Roland Møller verkörpert diesen Mann auf eine granit-grobe Weise. Dem ihm unterstellten Trupp deutscher Soldaten sagt er: „Wir haben keine Zeit für Selbstmitleid.“

Die Kriegsgefangenen arbeiten unter kläglichen Bedingungen

Das Dutzend soll 45 000 Minen von einem Strandabschnitt entfernen. „Wer alt genug ist, in den Krieg zu ziehen, kann auch den Dreck wegräumen“, lautet die schlichte Erklärung für dieses Kriegsverbrechen. Denn das war es. Kriegsgefangene durften nach der Hager Konvention nicht zur Kampfmittelbeseitigung herangezogen werden. Die hohen Verlustzahlen von 50 Prozent waren ein bitterer Vergeltungsakt nach der Devise „Lieber sie als wir“. Das macht den Film über die historische Erkenntnis hinaus vor allem für die politischen Debatten in Dänemark interessant. Zeigt er doch, dass sich das konfliktscheue Völkchen moralisch keineswegs so sauber verhielt, wie es das jetzt gerne hätte.

Unter kläglichsten Bedingungen und ohne jede Ausrüstung sollten die Kriegsgefangenen Meter für Meter Strand absuchen und raffinierte Sprengfallen ausfindig machen. „Unter dem Sand“ zeigt sie bäuchlings mit Metallstäben in den Untergrund stochern. Doch die Jungen müssen hungern, und entkräftet machen sie Fehler. Das erbost schließlich sogar den Feldwebel. Dass er es mit Jugendlichen zu tun haben würde, passt nicht in sein Weltbild. Rasmussen, den Einzelgänger, ärgert, von seinen Vorgesetzten belogen worden zu sein. Aus diesen Umständen gewinnt „Unter dem Sand“ schließlich eine große menschliche Kraft.

Einmal sitzen der Unteroffizier und der unerschütterlichste seiner Minenräumer auf einer Düne, unter sich die halb getane Arbeit. Es ist ein Moment stiller Vertrautheit und der Däne will das Amulett betrachten, das der Junge versonnen in der Hand hält. Der reicht es ihm. Als er es gerade fassen will, brüllt der Deutsche: „Booomm!“

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