Film von Alexander Kluge über den Ersten Weltkrieg : Nur die Toten sind Helden

Alexander Kluge ist mit Filmen berühmt geworden, die Fakten und Fantasie, strenge Wissenschaft und größte Subjektivität miteinander mischen. Nun präsentiert er einen großen Essayfilm über den Ersten Weltkrieg in Berlin.

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Kaiser Wilhelm II. bei einem Truppenbesuch in Galizien.
Kaiser Wilhelm II. bei einem Truppenbesuch in Galizien.Foto: dpa

Am Morgen des 22. August 1914 marschieren deutsche Truppen der 5. Armee durch die Ardennen in Richtung Westen. Dichter Nebel liegt über dem hügeligen Gelände. Die Soldaten bemerken zu spät, dass ihnen eine französische Armee frontal entgegen marschiert. Die Schlacht bei Neufchâteau wird zum Massaker. Zwei Tage später entdecken Pioniere die Toten des Zweiten Bataillons. In einer Bodensenke, in der sie sich zum Angriff formiert hatten, standen die dicht aneinander gedrängten Gefallenen in einem Winkel von 60 Grad aufrecht. Die Pioniere berichteten, es habe sich nicht um einen „Haufen“, sondern um eine „Mauer von Toten“ gehandelt.

Einer dieser Toten war Otto Kluge, der Onkel des Schriftstellers und Filmemachers Alexander Kluge. Mit dem Essayfilm „Bilderwelten vom Großen Krieg 1914–1918“, den er zusammen mit Heinz Bütler inszeniert hat, setzt Kluge seinem Onkel nun hundert Jahre nach dessen Tod ein Denkmal.

Die Geschichte über die Metzelei in den Ardennen gehört zu den Höhepunkten unter den 18 Episoden dieser DVD, bei der sich – typisch Kluge – Tatsachenbericht und Theatralik, strenge Wissenschaft und höchste Subjektivität eigenwillig miteinander mischen. Fotos von Otto Kluge zeigen einen jungen Mann mit weichen Gesichtszügen im Vatermörderkragen, die Familienähnlichkeit mit dem Regisseur ist unverkennbar. Als die Todesnachricht eintraf, wollte die Mutter den nächsten Zug nach Belgien besteigen, um für eine „ordentliche Beerdigung“ zu sorgen. Doch Zivilisten wurden nicht transportiert.

Der Erste Weltkrieg forderte elf Millionen Menschenleben. „Mindestens“, sagt der Historiker Gerd Krumreich. Die Filmemacher lenken immer wieder die Aufmerksamkeit auf einzelne Opfer. Großartig die Szene, in der der Politologe und Weltkriegsforscher Herfried Münkler Georg Trakls Kriegsgedicht „Grodek“ vorträgt: „Alle Straßen münden in schwarze Verwesung“. Grodek, das ist die ostgalizische Stadt, in der der Sanitätsleutnant Trakl im September 1914 eine Schlacht erlebte, bei der die österreichische Armee geschlagen wurde. Trakl verarztete Verwundete, musste ohne Schmerzmittel amputieren und erlitt nach zwei Tagen einen Nervenzusammenbruch. In einem Militärhospital setzte der Dichter seinem Leben mit einer Überdosis Kokain ein Ende.

Es kam darauf an, „Nerven wie Drahtseile“ zu haben. Während der Schlacht an der Somme wurden deutsche Offiziere aus Russland an die Westfront versetzt, weil die Generäle annahmen, dass sie mit größerer Ruhe auf die Attacken reagieren würden. Aber die Offiziere waren bereits nach wenigen Wochen „ausgebrannt“. Sie empfanden sich als „Scharfrichter“, die ihre Soldaten in den Tod schickten, wenn sie sie an vorderster Front festhielten. Es wurde auch mit Impulsleitungen aus Kupfer an Schwerverletzten experimentiert, um sie „nervenlos“ zu machen. Alle Probanden starben. Erstaunlicherweise hat dieser Film über ein massenmörderisches Thema auch einige komische Momente. Helge Schneider singt mit einem Stahlhelm auf dem Kopf „Ich hatt’ einen Kameraden“. Gruselig.

Die DVD „Bilderwelten vom Großen Krieg“ erscheint bei dctp/NZZ/Absolute Medien. Uraufführung am Donnerstag, 3. Juli, im Deutschen Historischen Museum (17 Uhr). Danach Podiumsgespräch mit Alexander Kluge und Heinz Bütler.

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