Film : Weltbürger

Eine Ausstellung im Schwulen Museum Berlin ehrt den Schauspieler, Regisseur und Künstler Harry Raymon, der eigentlich ein idealer Darsteller für Fassbinder gewesen wäre

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Raymon 1964 auf Sylt. Foto: Binette Schroeder
Raymon 1964 auf Sylt.Foto: Binette Schroeder

raymon,vonbecker,berlin,dietrich,brando,curtis„In München ist er weltberühmt“, scherzte Kurator Wolfgang Theis bei der Ausstellungseröffnung im Schwulen Museum in Berlin-Kreuzberg. Tatsächlich ist der heute 86-jährige Münchner Schauspieler, Regisseur, Autor, bildende Künstler und Weltbürger Harry Raymon auch ein halber Berliner. Vor 50 Jahren war er Mitbegründer des Forum-Theaters am Kurfürstendamm, wo er neue französische und amerikanische Stücke inszenierte und das damals aus den USA vertriebene New Yorker Living Theatre zu Gast hatte. Vor 30 Jahren wurde dann bei der Berlinale im „Forum des jungen Films“ sein erster Film „Regentropfen“ vorgestellt, eine Geschichte jüdischer Kinder während der NS-Diktatur.

Raymon selber, als Harry Heymann und Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie im Hunsrück geboren, konnte mit seinen Eltern 1936 nach Amerika emigrieren. Mit der US-Army kehrte er zur Befragung von Kriegsgefangenen 1945 erstmals nach Deutschland zurück.

Von seinem Leben erzählt nun eine erstaunlich reich dokumentierte Präsentation im Schwulen Museum, die dort neben einer gleichzeitig eröffneten Pasolini-Ausstellung (mit vielen großformatigen Film-Bildern) läuft. Doch auch die Entdeckung des Lebens von Harry Raymon hat einiges mit der Filmgeschichte zu tun. Schon als Soldat besucht er in Frankreich Schauspielkurse der US- Army – auch so etwas gab es damals –, in denen Marlene Dietrich als Gastdozentin auftrat. Zurück in den USA, studierte der Emigrant bei einem anderen berühmten Emigranten: Erwin Piscator. Seine Mitschüler waren Marlon Brando und Tony Curtis. Verliebt in Brando, entdeckte Raymon mehr und mehr, so erzählt er, „dass ich schwul bin, das war ja damals ein eher unaussprechliches Thema“.

Über Paris kam er dann nach Stuttgart, studierte Gesang und gründete in den 50er Jahren das Pantomimentheater „Die Gaukler“. Damit gastierte er in ganz Europa, wovon jetzt in der Ausstellung neben etlichen Fotos die Plakate italienischer Theater mit hymnischen Kritiker-Zitaten aus dem Mailänder „Corriere della sera“ zeugen. Die erste Mitwirkung in einem Kinofilm führte den smarten, dunkelhaarigen H. R. gleich zu Simone Signoret, „aber ich durfte nur kurz ein Paar Ski halten“. 1957 spielte er immerhin mit Horst Buchholz in „Endstation Liebe“. Auch heute noch ist Harry Raymon, der eigentlich ein Schauspieler für Fassbinder gewesen wäre, ein temperamentvoll gebildeter, witziger Mann. An diesem Mittwochabend liest er im Rahmen der Ausstellung aus seinem Erinnerungsbuch „Einmal Exil und zurück“.

„Einmal Exil und zurück - Harry Raymon“, Schwules Museum Berlin, Mehringdamm 61. Lesung mit Harry Raymon am heutigen 1. Februar um 19 Uhr, Ausstellung tägl. außer Di 14-18 Uhr, Sa bis 19 Uhr.

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