Film „Wochenenden in der Normandie“ : Nebel überm Ferienhaus

In dem Film „Wochenenden in der Normandie“ stellt sich nach einer Trennung die Frage: Wer ist eigentlich mit wem befreundet?

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Die Paare Sylvette und Ulrich, Christine und Jean.
Fragiles Quartett. Die Paare Sylvette und Ulrich, Christine und Jean.Foto: Kairos

Die Welt ist nicht schlecht, sondern voll, hat Heiner Müller sein Weltwissen einmal zusammengefasst. In diesem Punkt ist Christine (Karin Viard) unbedingt Müllerianerin. Anders ist ihre Euphorie, ihre fast kindliche Freude gar nicht zu erklären, als sie etwas erblickt, was sie niemals erwartet hätte: eine Parklücke. Ein noch unbesetzter Zwischenraum des Seins!

Und dann steht da plötzlich eine Frau neben ihr, beinahe grün vor Neid oder auch naturgrün und behauptet, dass diese Lücke da ihre Lücke sei. Noch im Supermarkt tritt sie hinter Christine und zischt, dass Leute wie sie schuld seien am Zustand dieser Welt. Schon diese erste Szene lohnt den ganzen Film. Schon diese erste Szene zeigt das wunderbare Talent der französischen Schauspielerin Karin Viard, als erwachsene Frau zugleich Kind, komisch und tragisch sein zu können.

Christine macht in der Parklücke eine Erfahrung radikaler Kontingenz: Wie viel Hass wir doch auf uns ziehen können, allein dadurch, dass wir zur Unzeit einem entnervten Mitglied der Zivilisation im Wege stehen. Und ist Zivilisation nicht ein anderes Wort für den mühsam gestundeten Nervenzusammenbruch? Und genau deshalb haben wir Ferienhäuser, am besten in der Normandie wie Christine. Sie ahnt noch nicht, dass die Parklücke nur die erste Kontingenzerfahrung des Tages war.

Die zweite neigt durchaus zur Bedenklichkeit: Ihr Mann teilt ihr mit, dass er jetzt abreise, um nie mehr wiederzukommen. Noch eine Lücke im Sein! Sie klafft plötzlich neben ihr, unter ihr, in ihr. Und was sollen Sylvette und Ulrich dazu sagen, die Ferienhaus-Nachbarn in der Normandie, die Freunde?

Ehebruch? Ist das nicht vielmehr Fahnenflucht nach so vielen Jahren?

Seit unvordenklichen Zeiten leben die zwei Paare am Wochenende Mauer an Mauer. Man zählt füreinander zum festen Inventar des Daseins. Und plötzlich stimmt die Liste nicht mehr. Mit wem sind Sylvette und Ulrich nun befreundet, mit Christine oder mit Jean, dem Emigranten?

Ulrich Tukur und Noémie Lvovsky spielen das zurückbleibende Ehepaar, das auch sich nun mit neu fragenden Augen besieht. Sind wir nicht eine Fragilität? Wer ist denn die alte Frau da neben mir, könnte Ulrich fragen, und vielleicht macht er das auch, doch er kommt zu einem anderen Schluss als sein Nachbar. Da ist etwas wie eine neue Scheu, eine neue Rücksicht zwischen ihnen. Alles hat plötzlich Neben- und Zwischentöne, und Tukur und Lvovsky haben sie auch. Ulrich Tukur spricht so umwerfend französisch, als habe er sein ganzes Leben in der Normandie verbracht.

Anne Villacèque hat einen klugen kleinen Film über die Unalltäglichkeit des Alltäglichen gemacht, über die Abgründe des Gewöhnlichen, die unsichtbaren schwarzen Löcher der Normandie. Sie lässt es zweimal Sommer und Winter werden um die beiden Häuser, in aller Schönheit der teilnahmslosen Natur; sie lässt im nächsten Frühjahr Jean mit neuer Frau vor der Tür stehen, worauf es Christine angemessen scheint, das Mobiliar zum Schleuderpreis verkaufen, und Jean seinen Teil des Erlöses auf dem Tisch zu hinterlassen. Und so geht das weiter.

In der Wortlosigkeit, mit der Jean geht, und der Ruchlosigkeit, mit der er die Neue mitbringt, alle Erinnerungsfäden durchtrennt, verbirgt sich allerdings ein kleines Glaubwürdigkeitsproblem dieses Films: Jean (fast stumm: Jacques Gamblin) ist eine menschliche black box, er ist der Mann als Leerstelle. Wer aber heiratet schon eine Leerstelle?
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